„Wir haben gedacht, wir kommen zurück, aber wir kamen nicht zurück.“

2. Mai 2015

Dienstag 12. Mai 2015

Die Überlebenden Elya Kanter & Leonid Fisch – Film und Gespräch Zwischen Oświęcim, der polnischen, jüdisch geprägten Stadt in der Nähe von Krakau, und Auschwitz, Ort und Symbol der schlimmsten Menschheitsverbrechen, bewegt sich die Erinnerung von Elya Kanter und Leonid Fisch. Geboren und aufgewachsen in einer kinderreichen, traditionell jüdisch-religiösen Familie, folgen unmittelbar nach dem Überfall des Deutschen Reiches auf Polen Zeiten der Flucht, über Krakau und Lemberg (Lwiw) bis nach Usbekistan flieht die große Familie – und erleidet durch Verfolgung und Krieg den Tod dreier Kinder. Leonid lässt sich in die Rote Armee aufnehmen, um gegen Nazideutschland zu kämpfen.

Die Befreiung des Konzentrations- und Vernichtungslagers Auschwitz, in dem einer seiner Brüder ermordet wurde, prägt sich dem jungen Soldaten tief ein. Der Film (ca. 75 Min.), Ergebnis eines über zwei Tage sich erstreckenden Interviews mit dem Geschwisterpaar Kanter/Fisch, beschreibt die Stationen ihrer Lebensreise bis hin zu ihrer Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion im Jahre 2000 und ihr heutiges Leben in Köln-Porz.

Von der Fähigkeit, sich zu erinnern, und der großen Kraft, in der Erinnerung die Lebenden und die Toten zusammen und beieinander zu halten, gibt das filmische Dokument ein lange nachhallendes Zeugnis.

Eine Veranstaltung des NS-Dokumentationszentrum der Stadt Köln in Kooperation mit „Der halbe Stern“e.V., Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit und der Synagogen-Gemeinde Köln

Ort: Filmhaus Maybachstraße, 12. Mai 2015, 18 Uhr

Eintritt: 4,50 € , erm. 2 €

Flyer Filmveranstaltung

Der Untertan

28. April 2015

12. Mai 2015
19 Uhr, Alte Feuerwache


Melchiorstr. 3, Filmraum
Spielfilm, DDR 1951
Veranstalter: VVN-BdA Köln

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Der Film nach Heinrich Manns Roman „Der Untertan“ zeigt den kleinbürgerlichen Aufsteiger Diederich Heßling im wilhelminischen Deutschland. Heßling hat gelernt, nach oben zu buckeln und nach unten zu treten. Er knüpft Beziehungen zu einflussreichen Leuten, die ihm nützen können, für seinen geschäftlichen Erfolg, unter solchen Erwägungen wählt er auch seine nicht sonderlich attraktive, aber reiche Ehefrau aus. Und er nutzt seine Beziehungen zum Regierungspräsidenten von Wulkow, um einen unliebsamen Konkurrenten auszuschalten. Sein größtes Erlebnis ist es, den Kaiser aus der Nähe gesehen zu haben. Eifrig sammelt er für ein Kaiserdenkmal in seiner Stadt. Doch die Einweihung geht in einem tosenden Gewitter unter.
Regie: Wolfgang Staudte
Drehbuch: Wolfgang Staudte, Fritz Staudte
Kamera: Robert Baberske, Schnitt: Johanna Rosinski
Musik: Horst Hanns Sieber

Staudte sagte zur Botschaft seines Films: „Ich will die Bereitschaft gewisser Menschen um 1900 zeigen, die über zwei Weltkriege hinweg zum Zusammenbruch Deutschlands im Jahre 1945 führte. Es soll eine Weiterführung meiner Anklage gegen diese Kreise und eine Warnung vor diesen Menschen sein, wie ich es schon in dem Film ‚Die Mörder sind unter uns‘ ausdrücken wollte.“

Die konservative bundesdeutsche Presse der 50er Jahre warf Staudte vor, er stehe „im Dienste kommunistischer Kulturpolitik“ und betreibe die „Bolschewisierung der Welt“. Man verriss den Film als böse und humorlos, nannte ihn einen „Charaktermord“ (Bandmann/Hembus, S. 167).
Und der Spiegel kritisierte:
„Ein Paradebeispiel ostzonaler Filmpolitik: Man lässt einen politischen Kindskopf wie den verwirrten Pazifisten Staudte einen scheinbar unpolitischen Film drehen, der aber geeignet ist, in der westlichen Welt Stimmung gegen Deutschland und damit gegen die Aufrüstung der Bundesrepublik zu machen. Der Film lässt vollständig außer acht, dass es in der ganzen preußischen Geschichte keinen Untertan gegeben hat, der so unfrei gewesen wäre wie die volkseigenen Menschen unter Stalins Gesinnungspolizei es samt und sonders sind.“ (Spiegel, 12. Dezember 1951)
In der ganzen Welt erhielt der Film hohe Anerkennung. Lediglich in der Bundesrepublik Deutschland wurde er für sechs Jahre verboten, da man den Film als Angriff auf die Bundesrepublik betrachtete, in der viele Ansätze eines erneuten Untertanenstaates sahen. Der Interministerielle Ausschuss für Ost-West-Filmfragen, die für die Filmeinfuhr hauptverantwortliche Stelle, untersagte die Veröffentlichung aufgrund § 93 des StGB, der Herstellung von verfassungsfeindlichen Publikationen verbot.
1956 kam es dennoch zu einer einmaligen Aufführung in Westberlin. Nach einer erneuten Prüfung wurde der Film in einer um zwölf Minuten gekürzten Version und mit einem die Grundaussage des Films umkehrenden Vorspruch freigegeben. Dennoch wurde er im Januar 1957 erneut durch die FSK (Freiwillige Selbstkontrolle der Filmwirtschaft) verboten. Die Erstausstrahlung im Fernsehen erfolgte in der DDR im September 1954, in der Bundesrepublik im Dezember 1969 (im Bayerischen Rundfunk). Die ungekürzte Fassung bekam man in der BRD allerdings erst seit 1971 zu sehen.
„Der Untertan“ – ein in Zeiten von Pegida auch heute noch höchst aktueller Film.

70 Jahre danach: 8. Mai – Tag der Befreiung und des Gedenkens an die Opfer des Faschismus

28. April 2015

8. Mai 2015 · 16 Uhr · Köln · Hansaring (am Denkmal)

Tag der Besinnung: Für Toleranz, Menschenrechte und Menschenwürde

70 Jahre nach der Kapitulation des Deutschen Reiches ist für alle Demokratinnen und Demokraten klar: Der 8. Mai 1945 ist der Tag der Befreiung von Faschismus und Krieg, der Tag der wiedergewonnenen Demokratie, er ist ein Tag gegen das Vergessen.
Er ist ein Tag des Gedenkens an die vielen Millionen Toten in der Sowjetunion, Europa, Afrika und in Asien. Jüdinnen und Juden, Roma und Sinti, Homo- und Transsexuelle, Kranke und behinderte Menschen, Menschen mit religiösen Hintergrund, die sogenannten „Asozialen“, Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter wurden verfolgt, gequält und ermordet.
Mit dieser Vergangenheit werden die Deutschen immer leben. Sie haben sich nicht selbst befreit von der Diktatur der Nazis. Nur der Sieg der Alliierten machte einen Neuanfang möglich.
Lange dauerte es, bis die alte Bundesrepublik das Verdrängen und Vergessen ablegte. Erst am 8. Mai 1985 erklärte der damalige Bundespräsident von Weizsäcker:
„Wir dürfen den 8. Mai 1945 nicht vom 30. Januar 1933 trennen … Es war Hitler, der zur Gewalt griff. Der Ausbruch des Zweiten Weltkrieges bleibt mit dem deutschen Namen verbunden.“
In den letzten Jahren ist der 8. Mai in mehrerer Hinsicht ein Tag gegen das Vergessen, bundesweit und in Köln: Erinnert sei an Brandanschläge auf Flüchtlingsheime, an die NSU-Morde und -Anschläge und die gewalttätigen Aufmärsche von extrem rechten Kräften.
Nicht zu vergessen, nicht wegzusehen, bedeutet aktuell auch, zu wissen, dass Geflüchteten aus Deutschland zwischen 1933 und 1945 in vielen Ländern Asyl gewährt wurde. Auch deshalb treten wir heute dafür ein, dass Flüchtlinge willkommen geheißen werden, auch in Köln menschenwürdig untergebracht werden und eine Chance bekommen, gemeinsam mit uns zu leben, zu lernen, zu arbeiten und die Gesellschaft zu gestalten. Der 8. Mai fordert Gedenken und gleichzeitig unser E­gagement gegen Rassismus und für ein tolerantes Köln!

Es sprechen:
Dr. Wolfgang Uellenberg van Dawen, Historiker und Sprecher des Runden Tisches für Integration.

Ein/e Vertreter/in der Initiative Keupstraße ist überall

Musik + Literatur vom Städtepartnerschaftsverein Köln-Wolgograd

Im Kölner Bündnis wirken regelmäßig mit: DGB Köln, SPD, Bündnis 90/Die Grünen, Die Linke, christliche, jüdische und muslimische Religionsgemeinschaften, AG Arsch huh, VVN-BdA, ver.di, IG Metall, Verein EL-DE-Haus Verein

Aufruf 8. Mai

70 Jahre nach der Befreiung von Faschismus und Krieg: Für eine neue Entspannungspolitik, nein zur Vorbereitung auf neue Kriege!

21. April 2015

9. Mai 2015, 14.00 Uhr

Am 8. Mai 1945 wurde ganz Europa von dem Verbrechersystem des deutschen Faschismus und seinem Krieg befreit. Mehr als 55 Millionen Menschen waren zuvor Nazi-Terror, Holocaust und Vernichtungskrieg zum Opfer gefallen. Millionen Menschen auf der ganzen Welt bezahlten den deutschen Griff nach der Weltherrschaft mit unvorstellbarem Leid.
Anstifter und Nutznießer des Raub- und Vernichtungskrieges waren deutsche Banken und Konzerne. Die deutsche Wirtschaft profitierte von der „Arisierung“ und der Ausbeutung von KZ-Häftlingen und Zwangsarbeitern ebenso wie von der Ausplünderung der besetzten Länder. Es sind die AntifaschistInnen aller Länder und die Anti-Hitler-Koalition der Allierten, unter denen die Rote Armee mit Abstand die größte Last des Krieges in Europa zu tragen hatte, die die Menschheit von den Faschismus befreit haben. Angesichts der deutschen Verantwortung für die beiden Weltkriege des 20. Jahrhunderts muss die historische Konsequenz von 1945 verteidigt und an die nachfolgenden Generationen weitergegeben werden:

Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen.

Das entsprechende Ziel der UN-Charta, „künftige Geschlechter vor der Geißel des Krieges zu bewahren“, muss dringend verwirklicht werden, denn mit dem Angriff auf Serbien kehrte der Krieg unter deutscher Beteiligung nach Europa zurück. Seitdem:

  • Werden erneut Kriege für wirtschaftliche, politische und militärische Interessen geführt, die als “humanitär” gerechtfertigt werden
  • Werden Menschen ohne Kriegserklärung oder Gerichtsurteil mit Kampfdrohnen umgebracht, die von US-Stützpunkten auf deutschem Boden gesteuert werden
  • Werden die in der Eifel stationierten Atomwaffen modernisiert
  • Befindet sich am Niederrhein ein Nato-Kommandozentrum für den Luftkrieg
  • Wird gegen Russland eine enorme Aufrüstung von Seiten der NATO (unter Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland) vorangetrieben
  • Werden in einigen Ländern Ost- und Südosteuropas und des Baltikums Faschisten toleriert, sogar von den den Nato-Staaten unterstützt
  • Missbrauchen rechtspopulistische und faschistische Parteien und Gruppierungen zunehmend die Ängste und Sorgen von Menschen in Europa

Entgegen den Festlegungen des 2-plus-4-Vertrages haben sich NATO und EU Schritt für Schritt an die heutigen Grenzen Russlands heran erweitert. Mit der Einbeziehung der Ukraine in EU und NATO-Strategien wurde eine explosive Situation geschaffen. Nicht als Vermittler, sondern als Konfliktpartei behandeln NATO und EU Russland heute als neuen alten Feind, dem sie mit Propaganda, Drohgebärden und Sanktionen gegenübertreten. Wir fordern die sofortige Beendigung dieser gefährlichen Politik. Im 70. Jahr der Befreiung vom Faschismus steht die Bundesregierung in der historischen Verantwortung, eine neue Entspannungspolitik mit Russland auf den Weg zu bringen, in der die Sicherheitsinteressen aller Beteiligten Berücksichtigung finden und für weltweite Abrüstung zu wirken.

An den 8. Mai 1945 zu erinnern, heißt heute mehr denn je, die uneingelösten Konsequenzen aus der Befreiung zu verwirklichen: für zivile Konfliktlösung und Verständigung statt Hetze und Eskalation; für Abrüstung und Rüstungskonversion statt Rüstungsproduktion und –exporte; für eine Wissenschaft und Bildung für den Frieden statt Rüstungsforschung und Kriegspropaganda. Wir sind dem Schwur von Buchenwald verpflichtet: “Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Frieden und der Freiheit ist unser Ziel”.

Wir rufen deshalb auf, am 9. Mai gegen Krieg und Faschismus und für ziviele Konfliktlösungen und friedliches Zusammenleben zu demonstrieren:

Nie wieder Faschismus – Nie wieder Krieg!

Demonstration: 9. Mai 2015, 14.00 Uhr, Hans-Böckler-Platz
Kundgebung: 15.30 Uhr, Domplatte

Initiator(inn)en:
Arbeitskreis Zivilklausel Köln, DFG-VK Köln, Kölner Friedensforum, VVN-BdA Köln

Juden in Oświęcim 1918–1941

3. März 2015

Buch

Lesung mit Lucyna Filip

Oświęcim, bekannt in der Welt unter dem Namen Auschwitz, gilt als Symbol der Vernichtung des jüdischen Volkes. Aber nur wenige wissen, dass diese alte Piasten-Burg einige Jahrhunderte hindurch auch pulsierendes Zentrum jüdischen Lebens war und dass die Juden hier bis 1939 die Mehrheit der Einwohner bildeten. Sie besaßen ihre eigene Religion, Sitten und Sprache und beeinflussten auch das städtische Leben: mit eigenen politischen Parteien, Sportorganisationen und Theaterzirkeln. Der Zweite Weltkrieg veränderte alles. Die Stadt, in der sie geboren und aufgewachsen waren, wurde zum Ort ihrer Vernichtung.
Lucyna Filip legt eine facettenreiche Darstellung des kulturellen, wirtschaftlichen und politischen Lebens der Juden dieser Stadt zwischen den beiden Weltkriegen vor.
Lucyna Filip, studierte Geschichte und Germanistik, arbeitet als Publizistin und forscht aktuell zum Thema „Juden aus Oświęcim zwischen Holocaust und Emigration“ an der Universität in Katowice.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Kölnischen Gesellschaft für
Christlich-Jüdische Zusammenarbeit e.V. und dem Katholikenausschuss in der Stadt Köln

Ein Begleitprogramm zur Sonderausstellung Todesfabrik Auschwitz: Topographie und Alltag in einem Konzentrations- und Vernichtungslager

Donnerstag, 26. März 2015, 19:00 Uhr, Treffpunkt: NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23-25, 50667 Köln

Gebühr: € 4,50, ermäßigt: € 2,00

NIE WIEDER KRIEG – NIE WIEDER FASCHISMUS!

3. März 2015

DKP Kundgebung zum Jahrestag der antifaschistischen Kämpfe in der Elsaßstraße am 3. März 1933

NIE WIEDER KRIEG – NIE WIEDER FASCHISMUS!

Samstag, 7. März 2015, 14:00 Uhr

Treffpunkt Bonner Straße / Ecke Zugweg

Gestohlene Kinder – Ein vergessenes Thema der deutschen Vergangenheit

20. Februar 2015

Mittwoch, den 11.03.2015, 20 Uhr, Lutherkirche Südstadt (Martin-Lutherplatz)

ALOJSY TWARDECKI, polnisches Kind, von der SS gestohlen und „eingedeutscht“

Lesung aus seinen Erinnerungen „Schule der Janitscharen“

Gelesen von Svenja Wasser, erläutert von Christoph Koch, Herausgeber und Übersetzer des 2013 auf Deutsch erschienenen Buches (polnische Ausgabe 1969).

Gedenktag 27. Januar- Kultur in Trümmern

9. Februar 2015

Gedenktag 27. Januar- Kultur in Trümmern

Am diesjährigen Gedenktag für die Opfer des Naziregimes stand das Schicksal Kölner Kulturschaffender im Mittelpunkt der Veranstaltung in der Antoniterkirche, an der sich an diesem 70. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz sehr viele Menschen beteiligten.
Die Texte behandelten das Schicksal von Mitgliedern der Agitpropgruppe „Die blauen Blusen“, des Malers Peter Josef Paffenholz, der Schriftstellerin Irmgard Keun und der Sinti-Musiker Familie Reinhardt. Dazu spielte das Markus Reinhardt Ensemble Stücke, die die ganze Vielfalt ihrer Musik zum Ausdruck brachte.
Der anschließende Mahngang führte zum früheren Wallraf-Richartz-Museum, dessen großer Bestand an expressionistischer Kunst als „entartet“ galt. Viele Kunstwerke wurden aber auch in Sicherheit gebracht, bevor die Nazis sie beschlagnahmen konnten.
Zum Abschluss sprach der Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli, zum Schicksal verfolgter Schriftsteller, zu Flucht und Exil heute.
Wir dokumentieren Auszüge aus seiner Rede:

„Wir haben gerade vom Schicksal der verfolgten Schriftstellerin Irmgard Keun erfahren, von Büchern, die verbrannt wurden. Mir ist eines dieser verbotenen Bücher in der Zelle eines Hochsicherheitsgefängnisses begegnet, als ich 2010 im türkischen Knast war. Ich durfte deutschsprachige Bücher lesen, weil mich die damalige deutsche Konsulin im Gefängnis besuchte. Das erste Buch, das ich gelesen habe, war „Der Großtyrann und das Gericht“ von Werner Bergengruen. Er war ein deutsch-baltischer Schriftsteller. „Der Großtyrann und das Gericht“ wurde 1935 veröffentlicht, später verfilmt und in 14 Sprachen übersetzt. 1937 wurde Bergengruen (u. a. mit Hinweis auf den Roman „Der Großtyrann“) aus der Reichsschrifttumskammer mit folgender Begründung ausgeschlossen: „Da Sie nicht geeignet sind, durch schriftstellerische Veröffentlichungen am Aufbau der deutschen Kultur mitzuarbeiten.“

Seinem Buch in einer schäbigen Gefängniszelle zu begegnen, hatte symbolischen Charakter. (…)
Wie damals in Deutschland sind Schriftsteller und Künstler für Machthaber in vielen Ländern immer noch unbequem. Zum Beispiel Aung Myint in Birma muss noch 18 Jahre hinter Gittern bleiben. Nach Informationen von amnesty ist er einer von über 1.100 Autorinnen und Autoren, für die sich der PEN-Club zurzeit einsetzt. Rund 700 von ihnen sind im Gefängnis, andere wurden bedroht, entführt, ermordet, sind nach einer Festnahme “verschwunden”, mussten sich verstecken oder wurden zwangsweise ins Exil geschickt. Die vom PEN dokumentierten Opfer der staatlichen Repression stammen aus allen Teilen der Welt. Besonders viele kommen aus China, Iran, Weißrussland, Vietnam oder aus Ägypten.

Die deutsche Gesellschaft ist durch Ihre Aufarbeitung sensibler geworden, wenn es um die Vergangenheit geht. Aber wenn es um die Aufnahme von Roma und Sinti oder etwa Einwanderer und Flüchtlinge aus muslimischen Ländern oder aus dem Kontinent Afrika geht, ist die Gesellschaft nicht genug sensibel.

Ich war auch ein Flüchtling vor 22 Jahre, aber ich habe nicht die Saharawüste durchquert. Ich musste nicht mit einem schäbigen Boot über das Mittelmeer nach Europa fahren. Ich musste keine Angst vor Hunger, Durst und vor dem Ertrinken auf dem offenen Meer haben. In Istanbul stieg ich mit meinem Sohn mit gefälschten Pässen in ein Flugzeug. Als wir landeten, wartete mein vor einem Jahr verstorbener Freund Adnan Keskin mit seiner Frau am Kölner Flughafen auf uns. Sie holten uns mit dem Auto ab und brachten uns zu sich nach Hause. Kurze Zeit später flohen meine damalige Frau und meine Tochter auf demselben Weg nach Deutschland.

Das war Ende 1991. Ich lebte mit meiner Frau, meinem damals achtjährigen Sohn und meiner zweieinhalb Jahre jungen Tochter vorläufig in einem Asylbewerberheim, in einem Gebäude der heutigen Volkshochschule in Bergisch Gladbach, im dritten Stock. Zusammen mit einer kurdischen Familie, im selben Klassenraum. Als die Pogrome und Brandanschläge in Hoyerswerda, in Rostock-Lichtenhagen und in Mölln passierten, haben wir nachts ständig Wache gehalten. Obwohl unser Asylantrag noch nicht anerkannt war, durften wir in eine Wohngemeinschaft ziehen, weil unsere zukünftigen Mitbewohner sich entschlossen hatten, eine Asylbewerberfamilie bei sich aufzunehmen und mit ihr zusammen wohnen wollten. Kurze Zeit nach unserem Einzug starben fünf Menschen bei einem Brandanschlag in Solingen. Es war fürchterlich für uns, nach so langer Verfolgung in der Türkei weiter in einer lebensbedrohlichen Situation leben zu müssen. Aber auf der anderen Seite war mir bewusst, dass wir in dieser WG einen Schutzraum erhalten hatten, der es uns ermöglichte, unser Leben noch einmal aufzubauen. Wenig später wurden unsere Asylanträge anerkannt. Die Kinder durften in die Schule bzw. in den Kindergarten gehen. Wir durften Deutschkurse besuchen, Ausbildungsmöglichkeiten wurden uns angeboten und eine Arbeitserlaubnis erteilt. Kurz gesagt, ohne gesichertes Bleiberecht, ohne politische und persönliche wie auch kollegiale Unterstützung wäre es mir kaum möglich gewesen, ein unabhängiges Leben aufzubauen, meine Projekte durchzuführen und meine schriftstellerische Tätigkeit aufzunehmen.

Im August 2010, nach 20 Jahren in Köln, flog ich zum ersten Mal wieder in die Türkei. Gleich bei meiner Ankunft in Istanbul wurde ich festgenommen und fand mich in einem kafkaesken Prozess wieder, der immer noch nicht zu Ende gehen will. Ich konnte trotzdem als „Geretteter“ nach Deutschland zurückkehren, weil meine Freundinnen und Freunde in Köln, in Hamburg, in Berlin, in Frankfurt, in Darmstadt, in Istanbul, meine Nachbarn in Ehrenfeld und meine Dorfbewohner an der georgischen Grenze gegen die türkische Willkür protestiert haben. Ohne diese Solidarität, ohne Einmischung von Prominenten und von anerkannten Institutionen und ohne die diplomatische Intervention des Auswärtigen Amtes wäre ich bestimmt immer noch in einem Hochsicherheitsgefängnis in der Türkei.

Nun habe ich zwar keinen Zutritt mehr zur Türkei, aber ein Heim in Deutschland.
Wenn ich an die Fluchtgeschichten der jungen Menschen heute denke – an die so langen Wege durch Wüsten, Meere und Berge, nach Mord, Hunger, Durst, Angst und Krieg, die sie hinter sich gelassen haben. Wer gibt uns das Recht, uns abzuwenden? Uns wegzudrehen, wenn sie im Meer ertrinken und so zu tun, als wären sie nicht bei uns, wenn sie ihre Flucht doch überlebt haben?
Ich denke, sie brauchen unser Mitgefühl, unsere Unterstützung und unseren Respekt.

Fotos: Klaus Stein

Fotos: Klaus Stein

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Die Keupstraße in München

geschrieben von pp

5. Februar 2015

Gedenktafel

Als sich am späten Montagabend, dem 19.1. drei Busse Ecke Keupstraße/Schanzenstraße von Köln aus in Richtung München in Bewegung setzten, wurden nach alter türkischer Sitte ein Eimer Wasser hinter ihnen her geschüttet mit dem Wunsch, dass die Reise so gut verlaufe, wie das Wasser fließt.

Zuvor war eine türkische Musikgruppe spielend die Keupstraße rauf und runtergelaufen, um die Leute zur Verabschiedung der Busse zusammenzurufen. Der Musiklehrer einer Mülheimer Hauptschule hatte drei Bandkollegen zusammengetrommelt und sie spielten und sangen zum Abschied der über 150 Abreisenden – darunter 30 Schülerinnen und Schüler des benachbarten Gymnasiums.

So begann mit einem kleinen Volksfest, was sich nach 8-stündiger Fahrt vor dem OLG-München mit einer 11-stündigen Dauerkundgebung fortsetzte: die Begleitung der 22 NebenklägerInnen und weiterer ZeugInnen des Bombenanschlags in der Keupstraße zum NSU-Prozess nach München.

Der Tag im Gericht begann dann auch mit einem lange fälligen Eklat: als der Zeuge Melih K. ausführte, dass man kein Ermittler sein müsse, um herauszufinden, dass die Bombe unmöglich aus der Keupstraße stammen konnte, klatschten die Zuschauer Beifall und wurden vom Richter abgemahnt, sie hätten nur zuzuhören.

Aber je mehr man von den Berichten der ZeugenInnen und NebenklägerInnen hörte, umso mehr hätte man schreien können:

– Da war zum einen die brutale Wucht der Bombe: Türen flogen aus der Verankerung, die 10cm langen Zimmermannsnägel steckten in Autoblechen, noch in 5m Höhe in Hauswänden, flogen 150m weit, über die Häuser bis in die dahinter liegenden Gärten. Die Konstruktion der Bombe geschah in klarer Absicht, eine möglichst große Zahl von Menschen zu ermorden. Dass 22 Menschen zum Teil schwer verletzt, aber niemand getötet wurde, grenzt – angesichts der Sprengkraft der Bombe – an ein Wunder.

– Die Verletzten wurden in die umliegenden Krankenhäuser gefahren und dort wurden ihre Wunden versorgt. Als sie in die Straße zurückkehrten, berichteten zahlreiche Verletzte, dass sie sofort von der Polizei aufgegriffen und zum Verhör ins naheliegende Präsidium gefahren wurden. Der Ausdruck Verhör ist richtig, denn viele Befragten berichteten von ihrem Eindruck, dass sie eher als Verdächtige, denn als Zeugen befragt wurden. Auch vermuteten die Ermittler sofort Keupstraßen-interne Auseinandersetzungen: Sie fragten nach Konflikten in der Türsteherszene, nach Drogenhandel und der PKK. Manche, die um 16 Uhr verletzt wurden, frisch behandelt und traumatisiert waren, noch schwere Hörschäden von dem Knall aufwiesen, wurden bis in die Nacht verhört und konnten erst dann ihre Angehörigen benachrichtigen, dass man sie abholen konnte. Das war brutal und quälend.

– Diese Behandlung setzte sich sieben Jahre fort. Sieben Jahre wirkte Schilys am nächsten Morgen vorgenommene rassistisch motivierte Äußerung, in der er die Keupstraße als ein kriminelles Milieu bezeichnete und die dort lebenden Menschen der Tat verdächtigte. Einen terroristischen Anschlag schloss er schon nach 18 Stunden definitiv aus. Dasselbe Muster wie bei allen NSU-Morden vor und nach 2004. So haben die ZeugInnen berichtet, wie sie die Jahre unter den Verleumdungen gelitten haben. Wie ihre Geschäfte zurückgingen, weil niemand etwas mit dem „kriminellen Milieu“ zu tun haben wollte, wie sie darunter psychisch gelitten haben.

Für jede und jeden im Saal konnte es keine lebendigere Darstellung davon geben, was vom 9.6.2004, dem Tag des Anschlags, bis zum 4.11.2011, dem Tag der Selbstentlarvung des NSU, in diesem Land an rassistischen Verfehlungen passiert ist.

Und vor dem Gericht?

Schon ab 6:30 Uhr war die Sandstraße vor dem Gericht für den Verkehr gesperrt. Diejenigen, die die Nacht durch gefahren waren, wurden mit einem Frühstück empfangen. Lautsprecherwagen, Bühne, Videoleinwand und Transparentwände wurden aufgebaut. Immer mehr Leute, nicht nur aus München und Köln, sondern aus allen Orten, in denen der NSU gemordet hatte und von Soligruppen aus zahlreichen anderen Städten trafen ein. Den Tag über gab es Reden, Filme, Performances und Musikeinlagen ohne Ende. Bis abends wurden es über 1500 Menschen, die gemeinsam mit NebenklägerInnen und Angehörigen zum Abschluss zwei Stunden durch die Stadt demonstrierten.

Zwei Busse fuhren noch am Abend nach einem Imbiss im Theater Werkmünchen zurück nach Köln. Die 50 aus dem 3. Bus übernachteten und fuhren erst am nächsten Tag nach dem Prozess zurück. Allein aus Köln wurden über 100 Leuten ein Schlafplatz von den Münchner Freundinnen und Freunden zur Verfügung gestellt. Sie haben mit der Organisation der Kundgebungen an allen Tagen und mit der Betreuung und Versorgung der Angereisten Großartiges geleistet. Danke an alle!

Wir denken, dass die Vorbereitung des „Tag X“ und der weiteren 6 Prozesstage, an denen es um den Anschlag in der Keupstraße ging, und die hohe Präsenz in und vor dem Gericht gut dazu beigetragen haben, dass es in der Presse zahlreiche Interviews mit den NebenklägerInnen und Prozessberichte gab, die das Geschehen sehr eng verbunden mit den Erfahrungen der Betroffenen wiedergegeben haben und dass die rassistisch geprägten Ermittlungen so klar in den Fokus der Öffentlichkeit gerieten.

Nun bereiten wir uns auf eine entsprechende Präsenz zum jetzt beginnenden Untersuchungsausschuss in NRW vor. Und je nach dem weiteren Prozessverlauf wird vielleicht noch einmal ein größerer Auftritt notwendig sein. Sicher gibt es eine Reihe gemeinsamer Aktivitäten zum Abschluss des Verfahrens.

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Rassismus wegbassen! Love Music – Hate Kögida

27. Januar 2015

Rassismuss wegblasen!

28.1.15 // 17.30 h // Kreuzblume/Trankgasse

Nächsten Mittwoch wollen die Kögida-Nazis wieder in Köln aufmarschieren, für nächste Woche haben sich bereits jetzt schon deutlich mehr Rassist*innen angekündigt.
Rassist*innen und Nazis fühlen sich in Köln ganz offensichtlich wohl. Ungestraft kann mensch hier den Hitlergruss zeigen, Journalist*innen und Gegendemonstrant*innen angreifen und in Polizeibegleitung vermummt herumlaufen. Die Taktik der Polizeiführung und des Polizeipräsidenten Albers: Lassen wir die Nazis mal machen…

Aber ohne uns!

Die Entwicklungen der letzten Wochen haben gezeigt, dass antifaschister Protest mehr denn je notwendig bleibt. Die rassistischen Parolen von Kögida dürfen nicht zum Normalzustand werden.
Um jedoch nicht immer wieder nur an Polizeiabsperrungen herumzustehen, wollen wir dieses Mal zusätzlich zu vielfältigen Aktionen unseren Protest lautstark und stimmungsvoll gestalten. Wir werden eine antifaschistische Street-Party veranstalten. Die ersten Soundsystems sind schon angefragt. Also heißt es am 28.1.2015:
Rassismus wegbassen! LOVE MUSIC – HATE RACISM!

Jetzt seid ihr alle gefragt. Gestaltet den Protest mit: Bringt Soundsysteme, Lautsprecher und Musikinstrumente mit. Wir werden den Nazis und Rassist*innen lautstark zeigen, was wir von ihnen halten!

Am 28.1.15 gibt’s für die Nazis was auf die Ohren!!!!

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