Russland – Der alte neue Feind

14. März 2020

Am 27. Januar 1945 befreiten Truppen der Roten Armee das Vernichtungslager Auschwitz und die Häftlinge, die von ihren Nazipeinigern nicht auf Todesmärsche geschickt worden waren. Am 25. April 1945 trafen US-amerikanische und sowjetische Soldaten in Torgau an der Elbe erstmals bei der Befreiung Deutschlands vom Faschismus aufeinander und reichten sich die Hand. Anfang Mai 1945 hissten Soldaten der Sowjetunion ihre Fahne auf dem zerstörten Reichstag, nachdem sie unter riesigen Opfern an Menschenleben auch die deutsche Hauptstadt Berlin befreit hatten. Kein Mensch wäre in diesen Tagen auf die Idee gekommen, zu behaupten, der deutsch-russische Vertrag des Jahres 1939 hätte den Zweiten Weltkrieg ermöglicht und daher seien Nazideutschland und die Sowjetunion gleichermaßen für diesen Krieg und seine 50 Millionen Tote verantwortlich. Selbst in den Hochzeiten des Kalten Krieges, in den fünfziger und sechziger Jahren des letzten Jahrhunderts hätte kein ernstzunehmender Mensch einen solchen Unsinn behauptet.

Als sich dagegen der Beginn des Zweiten Weltkrieges im vergangenen Jahr zum achtzigsten Mal jährte, legte die Mehrheit der Abgeordneten des Europäischen Parlaments fest, „dass der Zweite Weltkrieg, der verheerendste Krieg in der Geschichte Europas, durch den auch als Molotow-Ribbentrop-Pakt bezeichneten berüchtigten Nichtangriffsvertrag zwischen dem nationalsozialistischen Deutschen Reich und der Sowjetunion vom 23. August 1939 und seine geheimen Zusatzprotokolle ausgelöst wurde, die zwei totalitären Regimen, die beide das Ziel der Eroberung der Welt verfolgten, ermöglichten, Europa in zwei Einflusssphären aufzuteilen“. Mit dieser Erklärung, der leider auch zahlreiche sozialdemokratische Abgeordnete zustimmten, wird die Tatsache der Kriegsschuld Nazideutschlands negiert, die Sowjetunion vom Opfer der Naziaggression und Befreier vom Faschismus zum (Mit-)Verantwortlichen für den Krieg gemacht und Ereignisse wie beispielsweise die Annektion Österreichs und das Münchner Abkommen, dass die Zerschlagung der Tschechoslowakei erst ermöglichte, negiert. Der Inhalt dieser Resolution ist falsch, geschichtsrevisionistisch und allein der Tatsache geschuldet, dass Russland politisch isoliert werden soll.

Diese Resolution dient der ideologischen Kriegsführung. Aber schon Jahrzehnte bevor sie von der Mehrheit der Parlamentarier(innen) beschlossen wurde, wurde die militärische Kriegsführung vorbereitet: Die mittel- und osteuropäischen Staaten vom Baltikum bis auf den Balkan wurden in die NATO aufgenommen und damit die Grenze dieses Bündnisses bis an die Westgrenze Russlands verschoben. Gleichzeitig wurden in diesen Ländern NATO-Truppen stationiert, darunter auch Soldat(inn)en der deutschen Bundeswehr. Das diese Stationierung gegen geltende Verträge verstößt, nach denen dort keine NATO-Truppen dauerhaft stationiert werden dürfen, wird von den Verantwortlichen mit einem billigen Taschenspielertrick umgangen: Die Truppen werden regelmäßig ausgetauscht und sind dadurch nicht dauerhaft stationiert.

In diesem Frühjahr werden auch die Bewohner(innen) der Bundesrepublik Deutschland hautnah mit dieser Politik der Aufrüstung gegen Russland konfrontiert: In den kommenden Monaten sollen tausende US-Soldaten mit Ihrem Kriegsgerät durch Deutschland transportiert werden, um die schnelle Truppenverlegung gen Osten zu üben. Dieses Manöver wird nicht nur zu Behinderungen des Verkehrs und zu Zerstörungen an der (Straßen-) Infrastruktur führen, es kostet auch nicht nur Geld, das für Bildung, Kranken- und Altenpflege dringend benötigt würde, es erhöht vor allem die Kriegsgefahr.

Wir Antifaschistinnen und Antifaschisten wissen, wer die Gräuel des 2. Weltkrieges zu verantworten hat: Es sind die Gleichen, die den Völkermord an den jüdischen Menschen anordneten, die Gleichen, die befahlen, mehr als halb Europa zu überfallen, zu besetzen und auszurauben. Wir wehren uns deshalb gegen die geschichtsrevisionistische Resolution des EU-Parlaments. Wir sind aber auch unserer Losung: „Nie wieder Faschismus, nie wieder Krieg!“ verpflichtet und beteiligen uns deshalb an den Protestaktionen der Friedensbewegung gegen das NATO-Manöver DEFENDER. Von deutschem Boden darf nie wieder Krieg ausgehen – das gilt auch und gerade in dem Jahr, in dem wir den 75. Jahrestag der Befreiung vom Faschismus begehen.

tri

Erzählcafé ist abgesagt

11. März 2020

Thomas Gabelin überlebte. Am 21. Dezember 1944 wurde er geboren. In einem Ghetto der Nazis. Genauer gesagt: in Theresienstadt. „Das war ein großes Wunder“, sagte seine Tante Ilse Kassel-Müller später. Denn Theresienstadt war lediglich eine Zwischenstation auf dem Weg nach Auschwitz. Theresienstadt ─ ein Synonym für Willkür, Zwangsarbeit, Hunger und Horror. Auch viele Babys starben in Theresienstadt – Thomas Gabelin überlebte und erzählt.

Am 26. März 2020 ist er von 15:00 bis 17:00 Uhr im Kölner Erzählcafé des Bundesverbands Information & Beratung für NS-Verfolgte e. V. zu Gast. Der Verein lädt hierzu alle Interessierten herzlich ein, um seine Geschichte zu hören:
Am 17. September 1944 wurde Gabelins Familie ─ Großmutter, Tante Ilse, Vater Werner und die im sechsten Monat schwangere Mutter Lore ─ von der Polizei verhaftet und zu einem Sammelplatz gebracht. Der
christliche Großvater und der zweijährige Richard, Thomas älterer Bruder, kamen mit. Dort gab es Listen. Die Nationalsozialisten besaßen immer Listen mit ausgewählten Namen. Der kleine Richard stand nicht darauf. Die Mutter bat darum, ihren Sohn dennoch mitnehmen zu dürfen, dies wurde ihr allerdings verweigert und der Großvater nahm den Jungen wieder mit nach Hause.
Die restliche Familie Gabelin gehörte zu den etwa 250 Jüdinnen und Juden aus sogenannten „Mischehen“, die am 18. September 1944 vom Schlachthof in Düsseldorf-Derendorf deportiert wurden. Tante und Großmutter mussten Zwangsarbeit leisten, Mutter und Vater kamen nach Theresienstadt. Unter furchtbaren Bedingungen überlebten alle fünf.
Im Sommer 1945 kehrte Thomas gemeinsam mit Mutter und Vater nach Krefeld zurück, dort fanden sie auch den kleinen Richard wieder. Dieser erkannte seine Eltern allerdings nicht mehr. Die Familie blieb in Krefeld, weil ihnen ein Visum in die USA, wegen der Mitgliedschaft des Vaters in der KPD und der VVN, verwehrt blieb.

Das Kölner Erzählcafé findet mehrmals im Jahr statt und steht Schulklassen, Jugendgruppen
und allen anderen Interessierten offen.

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Veranstaltungsort:
Residenz am Dom
An den Dominikanern 6-8
50668 Köln

 

Eine Veranstaltung des BUNDESVERBAND INFORMATION & BERATUNG FÜR NS-VERFOLGTE e.V.
Genovevastr. 72
Tel.: 0221 – 17 92 94 – 0
51063 Köln
Fax: 0221 – 17 92 94 – 29
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E-Mail: info@nsberatung.de
Pressekontakt:
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Abgesagt: „Spuren“ von Aysun Bademsoy

11. März 2020

Aufgrund von Corona wird die Veranstaltung zu einem späteren Zeitpunkt stattfinden.

Filmveranstaltung Spuren“ von Aysun Bademsoy, 23.3.2020

Zeit: 19:00 Uhr

Ort: ifs internationale filmschule köln

Schanzenstraße 28, 51063 Köln

Die Initiative „Keupstraße ist überall“, in Kooperation mit der“ifs“ (internationale filmschule köln) und „Kein Veedel für Rassismus“ Köln-Mülheim zeigen – als Erstaufführung in Köln – den Film „Spuren“ der Regisseurin Aysun Bademsoy. Nach dem Urteil im NSU-Prozess sind viele Fragen für die Hinterbliebenen der NSU-Opfer ungeklärt. Die Regisseurin Aysun Bademsoy hat einige von ihnen besucht. Welche tiefen Verletzungen die fremdenfeindlichen Morde und im Anschluss die Behandlung der Angehörigen durch Ermittlungsbeamte, Politik, Gesellschaft und Medien bei den Familien hinterlassen haben, dokumentiert Aysun Bademsoy in ihrem  Dokumentarfilm „Spuren“.

Frau Bademsoy wird anwesend sein.

Ausstellungseröffnung „Die IG Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. Wirtschaft und Politik im Nationalsozialismus.“

11. März 2020

Donnerstag, 12. März 2020, 19 Uhr
Ausstellungseröffnung „Die IG Farben und das Konzentrationslager Buna-Monowitz. Wirtschaft und Politik im
Nationalsozialismus.“ Eine Ausstellung des Fritz Bauer Instituts.

NS-Dok., Appellhofplatz 23-25, bis 24. Mai 2020

Erfolgreicher Gegenprotest

11. März 2020

Über 2000 Demonstranten waren am 4.1.2020 bei den Protesten gegen mehrere Nazikundgebungen vor dem WDR und am Dom und sorgten dafür, dass diese zum Flop wurden. Gleich vier verschiedene Kundgebungen und Aktionen hatten extrem rechte Gruppierungen anlässlich des WDR-Hühnerstall-Videos für Samstag in der Kölner Innenstadt angekündigt. Die AFD und die Identitären-nahen Gruppe „Widerstand steigt auf“ sowie extrem Rechte aus Mönchengladbach hatten die Kundgebungen angemeldet. Dank der erfolgreichen Gegenproteste der Kölner Stadtgesellschaft hatten die Rechten eine weitere Kundgebung für Sonntag den 05.01.2020 in Köln abgesagt. Über 2000 Demonstranten haben in Köln wieder einmal ein deutliches Zeichen gegen die Rechten gesetzt und ihnen lautstark mitgeteilt, dass für rechtsradikale Antisemiten und Rassisten in der Stadt kein Platz ist. kf

SPD-Ortsgruppen fordern Reform des Gemeinnützigkeitsrechts

11. März 2020

Die SPD-Ortsgruppen in Sülz-Klettenberg und Ehrenfeld haben Anträge auf den Weg gebracht, in denen sie ihre Partei auffordern eine Änderung des Gemeinnützigkeitsrecht auf den Weg zu bringen. Darin heißt es:
„Der Ortsverein Ehrenfeld fordert die SPD-Bundestagsfraktion auf, zeitnah einen Gesetzentwurf zur Reform des Gemeinnützigkeitsrechts in den Deutschen Bundestag einzubringen. Ziel des Gesetzes muss sein, die Gemeinnützigkeit zivilgesellschaftlicher Organisationen, die sich gewaltfrei (z.B. mit Stellungnahmen, Aktionen, Projekten und Demonstrationen) an der politischen Willensbildung beteiligen und sich für demokratische Grundwerte (vor allem für Menschenrechte, Frieden und ökologisch nachhaltige und gerechte Entwicklung) einsetzen, durch Änderungen der Abgabenordnung (AO) und ggfs. auch des Vereinsrechts zu sichern bzw. wiederherzustellen.“
In der Begründung heißt es, es könne„nicht im Interesse einer lebendigen Demokratie liegen, dass zivilgesellschaftliche Organisationen ihrer Gemeinnützigkeit und damit ihrer Arbeitsgrundlage beraubt werden, wenn sie sich u.a. für Grund- und Menschenrechte, für eine gesunde Umwelt, für soziale Gerechtigkeit und Frieden einsetzen.“

Neues vom rechten Rand

11. März 2020

Die antifaschistische Zeitschrift „Lotta“ berichtet in ihrer aktuellen Ausgabe u.a. über die MitarbeiterInnen der AfD im Landtag von NRW. Bereits im Juni 2019 hatte der Kölner AfD-Landtagsabgeordnete Roger Beckamp mitgeteilt, dass Markus Wiener aus Köln – ehemaliger Funktionär der „Bürgerbewegung pro Köln“ und von „Pro NRW – als Referent für ihn tätig sei. Wiener übt im Kölner Stadtrat weiterhin sein Mandat aus. Ein weiterer Mitarbeiter der AfD im Landtag steht derzeit in Köln vor Gericht. Felix Cassel gehörte als Beisitzer dem Vorstand der AfD Bonn an. Cassel hatte am 7. April 2019 nach einer AfD-Veranstaltung in Köln-Kalk einen Gegendemonstranten mit seinem Auto angefahren und sich dann entfernt. Cassel ist Mitglied der Bonner „Burschenschaft Frankonia“.

In Porz ist unterdessen der CDU-Bezirksvertreter Hans-Josef Bähner von seinem Amt zurückgetreten. Bähner soll in der Nacht zum 30. Dezember 2019 nach einem Streit wegen Ruhestörung einen 20 Jahre alten Jugendlichen angeschossen und schwer verletzt haben. Pikant ist, dass „mehrere Einträge bei Facebook“ ihn als Mann ausweisen, „der politisch eine als rechts einzuordnende Einstellung vertritt“, so der „Kölner Stadtanzeiger“ am 8. Januar. Die Staatsanwaltschaft ermittelt derzeit noch gegen Bähner.

Von der politischen Bühne abgetreten ist auch der Kölner Medienanwalt Ralf Höcker. Am 13. Februar gab das CDU-Mitglied und Pressesprecher der „WerteUnion“ bekannt, dass er sich dem „Druck“ beuge und aus allen politischen Organisationen austrete.

Ein weiteres Ereignis steht uns eventuell am Samstag, den 20. Juni, bevor. An diesem Tag soll das „Festival of Hope“ in der Kölner Lanxess-Arena stattfinden. Erwartet wird dort ein Auftritt von Franklin Graham. Dieser ist US-amerikanischer evangelikaler Pastor und Evangelist und Präsident der „Billy Graham Evangelistic Association“. Graham ist in der Vergangenheit mit islamfeindlichen und homophoben Äußerungen in Erscheinung getreten. Kritiker fordern bereits, den Auftritt von Graham abzusagen, so wie dies unlängst in Liverpool geschah. hma

Gedenktag an die Opfer des Nationalsozialismus

11. März 2020

Alljährlich lädt ein Bündnis in die Kölner Antoniterkirche, um an die Millionen Opfer des nationalsozialistischen Lagersystems, aber auch an die Kölnerinnen und Kölner, die überlebt haben, zu erinnern. Es ist der 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz. Vielleicht sind deshalb so viele Menschen gekommen. Die Kirche ist überfüllt. In diesem Jahr liegt der Schwerpunkt auf dem Wirken und den Schicksalen von Frauen während der Zeit des Nationalsozialismus. Die NS-Diktatur setzte ein rückschrittliches Frauenbild durch, minderte Bildungsmöglichkeiten und politische Mitwirkung. Wir hören vom Widerstand der Papierarbeiterin und Kommunistin Gertrud Hamacher. Es wird von der KZ-Ärztin Herta Oberheuser berichtet. Und vom Schicksal von Renée Düring, Jüdin aus Köln.

Gertrud Hamacher

Trautchen Hamacher, geb. Kürten, ist am 9. Dezember 1908 in Köln-Dünnwald geboren und hat bis 1999 gelebt, lange genug, um nicht nur eigene Konsequenzen aus der Nazizeit zu ziehen, sondern sie auch zu lehren. Die Papierarbeiterin wird 1932 arbeitslos wie 85.000 andere Kölnerinnen und Kölner. Mit 22 Jahren tritt sie in die KPD ein. Verhaftung im Juni, Entlassung im Dezember 1933. Gertrud geht nach Holland und beteiligt sich von dort aus am Widerstand. Sie wird als Kurier eingesetzt, bringt Pässe nach Deutschland für illegal Lebende und solche Genossen, die im Rahmen ihrer illegalen politischen Arbeit über die Grenzen reisen. Ihre nächste Station ist Brüssel. Im Mai 1940 wird Belgien von der Wehrmacht besetzt. Ein Fluchtversuch scheitert. Allein der Verkauf der Zeitschrift Rote Fahne führt zur Verurteilung zu zwei Jahren Gefängnis. Zwei Kinder hat sie in dieser Zeit zur Welt gebracht.

Nach Kriegsende engagiert sich Gertrud in der KPD und der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes (VVN). Am 27. Juni 1974 strahlt die ARD im Rahmen der Serie „Weltbild. Von Menschen, die nicht in Geschichtsbüchern stehen“, das „Porträt einer Kölnerin“ aus. Nobelpreisträger Heinrich Böll interviewt die Kommunistin Gertrud Hamacher. Schon vor der Ausstrahlung hagelt es Proteste gegen den WDR. Böll: „Es geht mir nicht um eine Bewältigung der Vergangenheit, sondern um ihre Annahme. Mir liegt an innenpolitischer Entspannung in diesem Punkt. Diese Menschen hatten durch ihren Widerstand Anteil an der Entstehung der Bundesrepublik und das wird weitgehend noch geleugnet. Durch den Antikommunismus wurde ihre Rolle nie recht anerkannt. Ich würde Ähnliches durchaus noch einmal machen.“

Herta Oberheuser

Ravensbrück ist ein idyllisches Dorf am Schwedt-See in Brandenburg, Hier errichtet die SS ab Ende 1938 das größte Konzentrationslager für Frauen. Die Häftlinge werden als Zwangsarbeiterinnen in der Rüstungsindustrie eingesetzt. Viele sterben an Hunger und Krankheiten. Die SS exekutiert fast zweitausend vermeintlich Behinderte und Arbeitsunfähige – einzeln mit Schusswaffen. Andere sterben infolge medizinischer Versuche. Herta Oberheuser ist die einzige Ärztin in dem Team.

Sie ist am 15. Mai 1911 in Köln geboren, studiert in Bonn und Düsseldorf Medizin. 1937 wird sie Mitglied der NSDAP und bewirbt sich 1940 nach Ravensbrück.

Ab Herbst 1942 werden dort Versuche über diee antiseptische Wirkung von Sulfonamid durchgeführt. Herta Oberheuser wählt gesunde Polinnen aus. Sie bringt Bakterien, Fäulniserreger, Holzsplitter und Glas in eigens zugefügte Wunden ein. Die Medizinerin hat für eine absichtsvolle Verschlechterung des Heilungsverlaufs, also für ein Höchstmaß an Infektion zu sorgen. Fünf der 74 polnischen Frauen sterben, sechs werden später erschossen.

Sie wird 1945 verhaftet. 20 KZ-Ärzte haben sich vor dem amerikanischen Militärgericht in Nürnberg für ihre medizinischen Experimente zu verantworten. Herta Oberheuser ist die einzige Frau. Oberheuser bestreitet wie die anderen Angeklagten jede Schuld. Morde habe sie nicht begangen. Das Nürnberger Gericht befindet Herta Oberheuser für schuldig. Sie kommt mit 20 Jahren Zuchthaus davon. Ab 1950 werden zahlreiche Nürnberger Urteile abgemildert. Herta Oberheusers Strafmaß wird halbiert. Schon 1952 wird sie aus der Haft entlassen und kann bald wieder in Schleswig-Holstein als Ärztin arbeiten. Dort wird sie zufällig von einer Überlebenden erkannt und angezeigt. Ihr wird die Approbation entzogen. Sie stirbt 1978 in Bad Honnef.

Renée Düring

Renée Düring wird am 7. Januar 1921 in Köln Braunsfeld, Büsdorferstr. 2 geboren.

Unter der Nazidiktatur ändert sich das Leben. Die Eltern schicken die 14-jährige Tochter zu ihrer Tante Lina Hirsch nach Amsterdam. Nach der Bombardierung von Rotterdam im Mai 1940 kapitulieren die Niederlande. Die Wehrmacht besetzt das Land. Juden müssen einen Davidstern tragen. 1942 heiratet Renée ihren Verloben Fritz Krämer in einem Büro im Amsterdamer Zoo, weil jüdische Paare das Standesamt nicht mehr betreten dürfen. Renée lebt versteckt bei ihren Schwiegereltern. Im September 1943 wird sie wegen der Verletzung der Ausgangssperre von einem holländischen Zivilisten festgehalten und gemeldet. Die Mitglieder beider Familien werden nun abgeholt, nur der Schwester gelingt es, sich in Holland versteckt halten.

Nomi Harper, Tochter von Renée Duering neben OB Reker, links die Söhne Gabriel und Benjamin

Die Eltern werden nach Auschwitz-Birkenau deportiert, wo man sie in einer Gaskammer tötet. Auch ihre Tante Lina wird ermordet. Renée und Fritz Krämer werden getrennt. Die letzten Worte ihres Mannes an Renée sind: „Wir werden uns nicht wiedersehen, lebe wohl!“

In Auschwitz führt der Gynäkologe Carl Clauberg medizinische Versuche durch. Er plant, hunderte jüdische Frauen und Mädchen zu sterilisieren. Dafür zahlt er pro Frau und Woche eine Reichsmark an die SS. Renée ist eine von ihnen. Die meisten „Patientinnen“ sterben an den Sterilisationsinjektionen, die hohes Fieber und Entzündungen verursachen. Andere werden ins Gas geschickt, nachdem die Ärzte mit ihnen experimentiert haben. Renée überlebt.

Als die Sowjetarmee naht, beginnen die Nazis im Januar 1945 einen hastigen Rückzug. Die Häftlinge von Auschwitz sollen am 18. Januar 1945 zu Fuß auf einem Todesmarsch in Richtung Ravensbrück evakuiert werden. Renée Düring nutzt diese Gelegenheit zur Flucht.

Sie schlägt sich nach Amsterdam zu ihrer Schwester Ellen durch. Sie lernt einen Soldaten der Britisch-Jüdischen Brigade kennen, Jehuda Engel. Sie heiraten und beschließen, in Israel ein neues Leben zu beginnen. Renée betreibt ein Lokal unter dem Namen „Café Renée“. Es stellt sich heraus, dass im KZ nur ihr rechter Eierstock zerstört wurde, sie kann Kinder bekommen! Aber ihr Mann lehnt das entschieden ab. Im Ergebnis des Streits spricht Renée in ihrem Café einen Gast an, der ihr gefällt. Sie treffen sich und Renée wird schwanger. Ihr Ehemann verlässt sie.

Ich wollte unbedingt, dass das Erbe meiner Eltern weiter besteht. Ich hatte doch so viele Angehörige verloren. Ich wollte ein eigenes Kind zur Welt bringen.“

1954 wird Tochter Nomi geboren. Vier Jahre später gelangen Renée und Nomi nach San Francisco. Renée stirbt mit 97 Jahren am 9. April 2018. In liebevoller Anerkennung erinnert sich ihre Tochter Nomi Harper an ihre Mutter: „Sie gab mir immer das Gefühl, dass ich etwas Besonderes bin, und dass das Leben sehr wertvoll ist. Sie hat mir gezeigt, wie wichtig es ist, dass Kinder spüren, wie sehr sie geliebt werden.“

Grußworte von Stadt und Kirche

Oberbürgermeisterin Henriette Reker kann die Tochter von Renée Duering, Nomi Harper und die Enkel Gabriel und Benjamin begrüßen. Sie sind auf Einladung der Veranstalter aus San Francisco gekommen. Frau Reker erwähnt Gunter Demnig, dem es mit seinen 70.000 Stolpersteinen gelinge, die Opfer aus der Anonymität herauszuholen und ihnen die Würde, ihre Menschlichkeit zurückzugeben.

Pfarrer Mathias Bonhoeffer erwähnt Ina Gschlössl. Unter den Nazis bekam sie als Berufsschullehrerin Berufsverbot, betreute für die Innere Mission als Fürsorgerin verurteilte Frauen im Klingelpütz und unterstützte eine jüdische Familie. Die Straße vor der Antoniterkirche ist nach ihr benannt.

Eindrucksvoll die Musik, die Martina Neschen und der Chor bewegt passend zu den Texten vortragen.

Mahngang

Im Anschluss an die Gedenkfeier bewegt sich ein Mahngang zum Deichmann-Haus am Bahnhofsvorplatz. Hier erinnert eine gläserne Stele an Freya von Moltke und ihren Widerstand.

Buchvorstellung in der MüTZe

11. März 2020

Am 30. Januar stellte Kutlu Yurtseven von der Microphone Mafia das Buch zu 30 Jahre Bandgeschichte vor. Über 50 Menschen waren ins Café gekommen und erlebten einen interessanten Abend mit Lesung, Fotos und Videoclips. Der Abend war auch als Solidaritätsveranstaltung für die VVN-BdA gedacht, die von dem Verlust der Gemeinnützigkeit bedroht ist. Danke für die vielen Spenden!

Mit eingeladen hatten Kein Veedel für Rassismus Mülheim, die Initiative Keupstraße ist überall, Heimat für alle, DKP Mülheim und das Bürgerhaus MüTZe. ub

Das Buch ist erschienen im PapyRossa Verlag, 227 Seiten, 15 Euro, ISBN 978-3-89438-703-7

Erfolgreicher Protest gegen den AfD Neujahrsempfang in Bonn

11. März 2020

Am Samstag den 25.01.2020 protestierten bis zu 150 Personen auf dem Brüser Berg gegen den Neujahrsempfang des AfD Kreisverbandes Bonn. Trotz eisiger Temperaturen und einer sehr kurzfristigen Mobilisierung kamen zahlreiche Antifaschisten um bei warmem Tee und Reden von der Caritas, der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes und andern gegen die AfD zu demonstrieren. Die lediglich 35 angereisten AfD-Anhänger wurden angemessen begrüßt. Es zeigt sich, dass das Interesse an Veranstaltungen der AfD deutlich geringer ist, wenn keine Parteiprominenz anwesend ist wie zuletzt. Wir freuen uns, dass trotz aller Umstände Zahlreiche Personen unserem Aufruf gefolgt sind. Wir kommen wieder, egal wo die AfD hingeht!

kf

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