Vier Jahre NSU-Prozess: Keinen Schlussstrich ziehen

17. Januar 2018

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Öffentliche Aktion zum 17. Jahrestag des Anschlages in der Kölner Probsteigasse

 

Am Freitag, den 19. Januar will die „Initiative Keupstrasse ist überall“ von 15 bis 16:30 Uhr eine Mahnwache auf dem Wallrafplatz halten. Auf den Tag genau vor 17 Jahren explodierte in einem Lebensmittelgeschäft in Köln eine Sprengfalle, die dem NSU zugeschrieben wird.

 

Nach rund 4½ Jahren rückt das Urteil im NSU-Prozess vor dem OLG München immer näher. Am 13. November 2017 begann Nebenklage-Anwältin Edith Lunnebach mit ihrem Plädoyer. Sie vertritt Masliya M., die bei dem rassistischen Bombenanschlag in der Kölner Probsteigasse vom 19. Januar 2001 schwerste Verletzungen erlitt.

 

Wer hat den Anschlag vorbereitet?

Nach wie vor warten alle Betroffenen der NSU-Anschläge und -Morde auf vollständige Aufklärung, die im Münchner Prozess aufgrund der eng geführten Anklage gegen lediglich fünf Beschuldigte nicht geleistet wird. RA Lunnebach geht davon aus, dass „der Anschlag in der Probsteigasse nicht alleine von den angeblich nur drei Mitgliedern der NSU-Zelle und dem Angeklagten Eminger begangen worden ist“.. Der Netzwerk-Charakter mit Unterstützer*innen an allen Tatorten lasse sich beim Anschlag in der Probsteigasse deutlich nachzeichnen: „Wie, wenn nicht mit Hilfe von in die tödliche Gedankenwelt des NSU eingeweihten Mittätern aus dem Kölner Raum, soll denn die Tatortauswahl Probsteigasse stattgefunden haben?“ – „Ein in den Tatplan eingeweihter und mit Ortskenntnissen in Köln versehener unerkannter Mittäter aus den Reihen des NSU muss den Anschlagsort ausgesucht haben und die Sprengfalle deponiert haben.“

 

Wie viel Staat steckt im NSU?

Rechtsextreme rassistische Netzwerke in vielen Teilen Deutschlands haben die Terrorakte des NSU unterstützt und ermöglicht. Diese Netzwerke wurden direkt oder indirekt gefördert und finanziert durch staatliche Institutionen wie den Verfassungsschutz, der damit ihren Aufbau massiv unterstützt hat. Rassistische Einstellungen in Sicherheits- und Strafverfolgungsbehörden und das aktive Verwischen von Spuren erschweren bis heute die rückhaltlose Aufklärung der Taten und die strafrechtliche Verfolgung aller beteiligten Täter*innen.

Diese Unterwanderung des demokratischen Rechtsstaates und die Duldung gewalttätiger, rechtsextremer Strukturen stellen eine Bedrohung für uns alle dar.

 

Daher erinnern wir am Freitag, den 19. Januar 2018 von 15-16:30 Uhr auf dem Wallrafplatz an den perfiden Bombenschlag in der Probsteigasse. Die Aufmerksamkeit aller sollte auf die NSU-Überlebenden, ihre Angehörigen und auf die Plädoyers der Nebenklage gerichtet sein, die ihre Anliegen vertritt. Denen, die durch die Anschläge und Morde geschädigt wurden, sollte unsere Solidarität gelten.

 

Weitere Informationen finden Sie hier:

www.nsu-watch.de

www.nsuprozess.net

«Wir haben gedacht, wir kommen zurück, aber wir kamen nicht zurück»

14. Januar 2018

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Unten folgt die Einladung des Begegnungszentrums Porz der jüdischen Gemeinde zu der Veranstaltung mit Frau Kanter und Herrn Fish. Sie berichten am Anfang des Films über ihr Leben in Oświęcim, der Stadt, die die Nazis Auschwitz nannten.
Die Familie floh am 3. September 1939 in die Sowjetunion.
Herr Fish wurde Soldat der Roten Armee, von Stalingrad bis Berlin bekämpfte er den deutschen Faschismus. Die Familie Fish arbeitete bis 1945 unter harten Bedingungen in der Produktion. Danach lebten sie in der Ukraine, Herr Fish war als Spediteur beschäftigt, Frau Kanter wurde Lehrerin. Sie leben heute beide in Köln-Porz.

Der Film wurde in dem Filmhaus Köln 2015 gezeigt. Herr Fish hatte im Jahr 2011 am Jahrestag des Überfalls der Nazi-Wehrmacht auf die Sowjetunion als Zeitzeuge, auch im Filmhaus, zu uns gesprochen. Er trug auf der Veranstaltung im NS- Dokumentationszentrum mit Frau Filip über die jüdische Gemeindein der Stadt Oświęcim drei Lieder vor.

 

 

Das Begegnungszentrum Porz der Synagogen- Gemeinde Köln lädt Sie am 22.01.18 (Mo) um 16:00 Uhr zur Vorführung des Films «Wir haben gedacht, wir kommen zurück, aber wir kamen nicht zurück» ein.

Die Überlebenden Elya Kanter & Leonid Fisch – Film und Gespräch
Der Film (ca. 75 Min.), Ergebnis eines über zwei Tage sich erstreckenden Interviews mit dem Geschwisterpaar Kanter/Fisch, beschreibt die Stationen ihrer Lebensreise bis hin zu ihrer Zuwanderung aus der ehemaligen Sowjetunion im Jahre 2000 und ihr heutiges Leben in Köln-Porz.
Von der Fähigkeit, sich zu erinnern und der großen Kraft, in der Erinnerung die Lebenden und die Toten zusammen und beieinander zu halten, gibt das filmische Dokument ein lange nachhallendes Zeugnis.

Begegnungszentrum Porz der Synagogen-Gemeinde Köln
Theodor-Heuss-Straße 43-45, 51149 Köln

Gedenkstunde für die Opfer des Nationalsozialismus

3. Januar 2018

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Sonntag, 28. Januar 2018, 14.00 Uhr
Antoniterkirche, Schildergasse

Grußwort:
Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes

Sprecher*innen:
Maria Ammann, Klaus Nierhoff, Doris Plenert-Sieckmeyer, Stefan Preiss

Musik:
Katharina Müther, Akkordeon und Gesang

Projektgruppe Gedenktag

Anschließend um ca. 15.30 Mahngang
Es spricht Tamar Dreifuss

 

Erinnern – eine Brücke in die Zukunft

Das Gedenken an die Opfer der NS-Diktatur ist ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie. Aber das Erinnern wird sich verändern, weil nur noch wenige Überlebende authentisch berichten können. Die Erinnerung an NS-Verbrechen und ihre Opfer wird aber auch durch rechtsextreme und rechtspopulistische Akteure massiv in Frage gestellt. Es wird eine „erinnerungspolitische Wende um 180 Grad“ gefordert. Wir wollen uns deshalb am 28.1.2018 mit der Geschichte und der Bedeutung unserer Erinnerungskultur befassen.

Wie fing es an mit dem Gedenken in Köln nach 1945? Wenige Tage nach Kriegsende wurde am 3. Juni 1945 am Hansaplatz die erste Stätte des Erinnerns eingeweiht, nachdem auf dem Gelände des Gefängnisses Klingelpütz sieben Leichen gefunden worden waren. Auf der bald platzierten Grabplatte heißt es: „Hier ruhen sieben Opfer der Gestapo. Dieses Mal erinnere an Deutschlands schandvollste Zeit 1933 – 1945″. Im gleichen Jahr entstanden auf Initiative von ehemaligen Zwangsarbeiterinnen und Zwangsarbeitern Ehrenmale zur Erinnerung an polnische und sowjetische NS-Opfer auf Kölner Friedhöfen. 1948 erinnerte die Kölner Synagogengemeinde auf dem Jüdischen Friedhof in Bocklemünd mit einem eindrucksvollen Denkmal an die „über 11.000 Schwestern und Brüder unserer Gemeinde“, die Opfer des „nationalsozialistischen Rassenwahns“ wurden.

Dieses frühe Gedenken an die NS-Opfer wurde in der Stadt bald von einem allgemeinen Totengedenken überlagert und verdrängt, das sich „allen Opfern“ zuwandte, in der Regel aber die deutschen Soldaten, die Vertriebenen und die Bombenopfer meinte. Beispiele dafür sind die Skulptur „Trauernde“ in St. Maria im Kapitol (1949), der „Schwebende Engel“ in der Antoniterkirche (1952) und das „Trauernde Elternpaar“ in St. Alban, dessen Ruine 1959 als zentrale Gedenkstätte der Stadt Köln eingeweiht wurde. Mit diesen Gedenkformen stilisierte sich der Großteil der deutschen Nachkriegsgesellschaft zu Opfern von Krieg und Nationalsozialismus. Ausgeblendet blieben Fragen von Schuld und Verantwortung, ausgeblendet blieben auch die Opfer der NS-Verbrechen.

Es waren immer wieder Einzelne oder Verfolgtengruppen, die sich besonders engagiert für eine andere Erinnerungskultur einsetzten. Einer von ihnen war Walter Kuchta, als Kommunist im Widerstand, in Haft genommen und nach 1945 Mitglied in VVN und der KPD. Er spürte als einer der ersten den NS-Verbrechen im Kölner Raum nach, sammelte Berichte von Überlebenden und organisierte Gedenkveranstaltungen. Auch der Sozialdemokrat Sammy Maedge kämpfte bemerkenswert früh gegen das Vergessen und Verdrängen der Verbrechen an, etwa indem er auf den Handel mit verbotenen Nazi-Emblemen aufmerksam machte, gegen die Straffreiheit von NS-Verbrechern oder gegen Antisemitismus agitierte und die Einrichtung einer Gedenkstätte im ehemaligen Gestapogebäude forderte.

Viele Faktoren, etwa die bundesweite Debatte um eine drohende Verjährung von NS-Verbrechen, der Frankfurter „Auschwitz-Prozess“, die lokale Auseinandersetzung um die „Edelweißpiraten“ oder auch der Prozess gegen den ehemaligen Gestapoleiter Kurt Lischka, führten zu einem allmählichen erinnerungspolitischen Wandel. Die 1979 ausgestrahlte US-amerikanische Fernsehserie „Holocaust“ bewegte ein Millionenpublikum. Das Engagement für eine Gedenkstätte für die NS-Opfer sowie eine professionelle Aufarbeitung der NS-Zeit in Köln verdichtete sich und führte schließlich 1979 zu dem Beschluss des Stadtrats, den Keller des EL-DE-Hauses als Gedenkstätte herzurichten und ein NS-Dokumentationszentrum aufzubauen.

Seit den 1980er Jahren rückten immer stärker die bis dahin „vergessenen Verfolgten“ in den Blick: Die Opfer der NS-Krankenmorde oder der Zwangssterilisationen, die nicht entschädigten Opfer von Zwangsarbeit, die Opfer der NS-Militärjustiz. Nach und nach entstanden auch für diese Gruppen Denkmäler. Nach jahrelanger Kriminalisierung und Stigmatisierung der homosexuellen Opfer war es beispielsweise erst 1995 möglich, das Rosa-Winkel-Mahnmal am Rheinufer aufzustellen. Aber auch die Opfer der NS-Völkermorde – Juden sowie Sinti und Roma – wurden stärker beachtet. Hervorzuheben sind die Kunstaktionen von Gunter Demnig, der seit 1990 mehrfach an die verfolgten Sinti und Roma erinnerte und daraus sein Projekt „Stolpersteine“ entwickelte.

Auch wurde 1990 der Platz der jüdischen Schule Jawne nach ihrem früheren Direktor Erich Klibansky benannt. Auf Initiative des Ehepaars Dieter und Irene Corbach ermöglicht heute ein „Arbeitskreis Lern- und Gedenkort Jawne“ aufklärerische Arbeit vor Ort und bringt zahlreiche ZeitzeugInnen in Kontakt mit Schulen und anderen Einrichtungen.

Die Erinnerungskultur wurde insgesamt vielfältiger und dank der Arbeit des NS-DOK auch professioneller. Neue Formen des Erinnerns – etwa das alljährliche „Edelweißpiraten-Festival“ – traten hinzu.

Also alles gut in Köln mit dem Gedenken?

Flyer: Seite1 / Seite2

Mahnwache zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 und die aus Bergisch-Gladbach in die Vernichtungslager verschleppten jüdischen Menschen

25. November 2017

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Trotz Sessionseröffnung und katastrophalem Wetter fand am Samstag, dem 11.11. in Bergisch-Gladbach wie schon seit vielen Jahren eine Mahnwache zur Erinnerung an die Reichspogromnacht am 9. November 1938 und die aus Bergisch-Gladbach in die Vernichtungslager verschleppten jüdischen Menschen statt. Wir dokumentieren die Reden von Walborg Schröder, der Initiatorin der Aktion, und von Jochen Vogler, stellvertretender Vorsitzender der VVN-BdA Nordrhein-Westfalen:


Foto:Klaus Müller

Eröffnung und Begrüßung: Walborg Schröder, VVN-BdA

„Liebe Teilnehmerinnen und Teilnehmer,
liebe Kolleginnen und Kollegen,
sehr geehrter stellv. Bürgermeister Josef Willnecker,
liebe Rednerin und liebe Redner,

wir haben uns anlässlich der Reichspogromnacht vom 9. November 1938 in der Nähe der geschichtsträchtigen Gedenktafel zu einer Mahnwache mitbedrückendem Gegenwartsbezug zusammengefunden. Sie wird organisiert von der Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes/Bund der Antifaschisten (VVN-BdA) und dem DGB-Netzwerk Rhein-Berg. Wir gedenken hier der Opfer des Holocaust und aller Opfer des NS-Regimes und werden sie niemals vergessen. Der Kirchengemeinde St. Josef danken wir, dass wir hier auf ihrem Gelände unsere Gedenkstunde durchführen können.

Wir begrüßen herzlich Herrn Josef Willnecker, unseren stellvertretenden Bürgmeister, der ein Grußwort der Stadt überbringen wird, sowie Herrn Saim Basyigit vom Integrationsrat Die weieren Redner und eine Rednerin heißen wir herzlich willkommen. Es sind Jochen Vogler, der NRW-Landessprecher der VVN-BdA, Patrick Graf von „Bergisch Gladbach gegen Hass“. Wir grüßen von deser Stelle Reimund Smollen, der im Krankenhaus liegt. Gute Besserung, Reimund! Seine Rede hatte er schon fertig. Sie wird verlesen von Jörg Mährle, Sekretär des DGB-Bezirks Köln-Bonn. Und last not least spricht die Studentin Janina Hollmann, ehemals SV der IGP.

Mit Empörung und Entsetzen erinnern wir uns an die Gräueltaten im nahegelegenen ehemaligen Stella-Werk, einem „wilden KZ der Nazis, in dem Gladbacher Bürger – Juden, Kommunisten, Sozialdemokraten und Christen – geschlagen, gefoltert, gequält und danach in Konzentrationslager gebracht wurden. Zahlreiche regionale Publikationen und acht Stolpersteine erinnern an sie und ihren mutigen Kampf gegen die Nazis. Unser Motto der Mahnwache „Gegen Ausländerfeindlichkeit und Rassismus, für Toleranz und soziale Gerechtigkeit“ ist heute aktueller denn je und hat einen bedrückenden Gegenwartsbezug. Wir müssen erinnern, aber auch mahnen, dass sich Geschichte nicht wiederholt. Denken. Handeln. Neonazis und Rassisten wirksam entgegentreten. Dazu ist jede, jeder aufgefordert. Auf dem Weg in den verheerenden Zweiten Weltkrieg und den Holocaust ist der 9. November 1938 ein besonders grauenvolles Ereignis und muss in unserer Erinnerung wach gehalten werden.


Foto: Klaus Müller

Krieg, Hunger, Bombennächte und Judenverfolgung hat meine Generation die Kriegskinder – am eigenen Leib erlebt. Viele Fragen stellte ich der Mutter, wenn plötzlich Nachbarn verschwunden waren. Viele waren im Krieg gefallen, andere im KZ ermordet. Fragen tauchten auf, wenn ich als11-jährige Oberschülerin in der Kreisstadt auf Menschen mit einem gelben Abzeichen traf. Sie mussten vom Bürgersteig auf die Straße ausweichen, wenn ihnen Leute entgegen kamen. Meine Mutter erzählte mir dann: Das waren Juden, sie mussten einen gelben Stern, den Judenstern, tragen und vor den sogenannten Ariern vom Bürgersteig auf die Straße ausweichen. Menschenverachtung pur. Mein Vater war als Lehrer und SPD-Mitglied unter das Berufsverbot der Nazis gefallen. Er kam in Schutzhaft und wurde gleich zu Kriegsbeginn in die Wehrmacht eingezogen. Das alles hat mich geprägt. Die schrecklichen Kriegserlebnisse verfolgen mich bis heute. Deshalb schreibe und spreche ich darüber, z.B. viele Jahre lang mit Schülern der IGP anlässlich des Auschwitzgedenktages am 23. Januar.

Es ist wichtig, sich zu erinnern, aber auch zu mahnen, damit sich Geschichte nicht wiederholt, sich für Frieden und Verständigung mit anderen Völkern, besonders auch mit Russland, zu engagieren. Bald ist unsere Generation, die den Krieg aus eigenem Erleben kennt, nicht mehr da. Und das Wissen darüber gibt es nur aus Büchern und Filmen. Besonders heute gilt es, wieder wachsam zu sein. Ich mache mir als Zeitzeugin der Nazidiktatur ernsthafte Sorgen über die aktuelle politische Entwicklung, wenn ich die Hasspropaganda der AfD, der Neonazis und der Rechtsradikalen höre. Es darf nie wieder Krieg und Faschismus geben!

Erlauben Sie mir bitte noch eine kurze persönliche Erklärung. Ich bin jetzt seit 26 Jahren aktiv an der Gestaltung der Mahnwache beteiligt. Heute, wie bereits viele Jahre vorher, nehmen Vertreter der jungen Generation teil und Dario Schramm hat für die SV der IGP fürs nächste Jahr schon ihre Mitwirkung an der Mahnwache bekundet. Die Jugend ist unsere Hoffnung. Sie wird die Erinnerung an die Vergangenheit wach halten und eine friedliche Zukunft gestalten. Das gibt mir und der älteren Generation die Zuversicht auf eine Welt in Frieden.“

 

Rede Jochen Vogler

„Sehr geehrte Damen und Herren,

vielen Dank für die Einladung zu dieser Gedenkveranstaltung.
Es bleibt wichtig und notwendig, von den sehr unterschiedlichen Ereignissen und Wendepunkten, die in der Geschichte des 20. Jahrhunderts mit dem Datum 9. November in Deutschland verbunden sind, den 9. November 1938 niemals zu vergessen.
Der 9. November 1938 ist Ausdruck eines furchtbaren Zivilisationsbruchs, dessen schreckliche Fortsetzung als Programm „Endlösung der Judenfrage“ uns allen bekannt ist.
Es ist geschehen und folglich kann es wieder geschehen. Dieses Zitat von Primo Levi bleibt gültig – – das beweist uns auch ein Blick in unsere Gegenwart.
Ich bin dankbar für einen Text, den ich zur Vorbereitung für diesen Beitrag erhielt.
Es ist ein zeitgenössischer Text von 1938.

Getreu den stolzen Traditionen der deutschen Arbeiterbewegung
erheben wir unsere Stimme gegen die Judenpogrome Hitlers, die
vor der gesamten Menschheit die Ehre Deutschlands mit tiefster
Schmach bedeckt haben.
Es ist eine elende Lüge, dass die Pogrome ein Ausbruch des
Volkszornes gewesen seien. Sie wurden von langer Hand
vorbereitet und organisiert von den nationalsozialistischen Führern.
Sie sollten in Wirklichkeit dazu dienen, den wachsenden Volkszorn
gegen die nationalsozialistische Diktatur, gegen die wahnwitzige
Ausplünderung des Volkes zugunsten der Rüstungsmillionäre und
der korrupten Nazibonzen abzulenken auf Unschuldige, mit dem
Ruf „Der Jude ist schuld!“
Immer in der Vergangenheit hat die Reaktion sich der schmutzigen
Mittel der Judenhetze und der Pogrome bedient zum Zwecke der
Ablenkung von den wahren Schuldigen am Elend
Wir wenden uns an alle Kommunisten,
Sozialisten, Demokraten, Katholiken und Protestanten, an alle
anständigen und ehrbewussten Deutschen mit dem Appell: Helft
unseren gequälten jüdischen Mitbürgern mit allen Mitteln! Isoliert
mit einem Wall der eisigen Verachtung das Pogromistengesindel!
Klärt die Rückständigen und Irregeführten, besonders die
missbrauchten Jugendlichen, die zur Bestialität erzogen werden
sollen, über den wahren Sinn der Judenhetze auf!
Die deutsche Arbeiterklasse steht an erster Stelle im Kampf gegen
die Judenverfolgungen. Gegen die mittelalterliche barbarische
Rasssenhetze bekennt sie sich mit allen aufrechten Deutschen zum
Worte Johann Gottlieb Fichtes von der „Gleichheit alles dessen,
was Menschenantlitz trägt“.
Die Befreiung Deutschlands von der Schande der Judenpogrome
wird zusammenfallen mit der Stunde der Befreiung von der braunen
Tyrannei. Deshalb müssen alle, die das Regiment der
Unterdrückung ablehnen und es beseitigen wollen, ihren festen
Zusammenhalt schaffen. Solidarität im Mitgefühl und in der Hilfe für
die jüdischen Volksgenossen, Solidarität mit den gehetzten
Kommunisten und Sozialisten, Solidarität mit den bedrohten
Katholiken, Solidarität aller untereinander im täglichen Kampf zur
Unterhöhlung und zum Sturz des Naziregimes – das ist es, was die
Stunde von allen freiheitsliebenden Deutschen verlangt!

Dieser Appell der KPD erschien in der Sonderausgabe Nr. 7 von 1938 der Roten Fahne .

Dieser Text beweist, daß die brutale menschenverachtende Nazipropaganda nicht jeden in ihrem Sinne zu erfassen vermochte.
Er beweist leider aber auch, daß es fast unmöglich war, mit diesem Appell zum Alltagsbewußtsein der Bevölkerung durchdringen zu können.
In dieser Zeit müssen wir erleben: Die Auflösung der Tabugrenzen des Sagbaren passiert schleichend und wir müssen zur Kenntnis nehmen, daß mit medialer Unterstützung diese Methode schon erfolgreich im Alltagsbewußtsein in der Mitte der Gesellschaft angekommen ist.
Mediale Aufmerksamkeit bleibt dagegen dezent, wenn das antifaschistische Selbstverständnis angegriffen wird.
Durch die Klage unserer Kameradin Silvia Gingold gegen den Landesverfassungsschutz Hessen auf Löschung ihrer Daten und Einstellung ihrer Beobachtung durch dieses Amt wurde bekannt, daß der Schwur von Buchenwald für den Verfassungsschutz ein Beleg ist, der gegen die freiheitliche dempokratgische Grundordnung gerichtet sei. Das Gericht erkannte die Rechtmäßigkeit der weiteren Beobachtung von Silvia an u. a. Mit der Begründung, daß sie bei Veranstaltungen der VVN/BdA mitwirke, die auch wegen ihrer Berufung auf den Schwur von Buchenwald weiterhin als linksextremistische Organisation berechtigterweise vom Verfassungsschutz zu beobachten sei.
Dies ist in mehrfacher Hinsicht ein Skandal.
Die Behörde, deren Verstrickung mit den Morden des sogenannten NSU notorisch ist, hat das Recht zu bestimmen, was verfassungskonform ist und was als linksextremistisch kriminalisiert werden darf.

Fast schon vergessen ist das Urteil des Bundesverfassungsgerichts vom Beginn dieses Jahres. Wegen ihrer politischen „Bedeutungslosigkeit“ kann die NPD weiterhin legal wirken.
Auch wenn bei der NPD programmatisch eine deutliche Nähe zur NSDAP nachweisbar sei, gebe es derzeit wegen ihrer politischen Bedeutungslosigkeit keine Verbotsgrund.
Die Richter kennen den Artikel 139 des Grundgesetzes…
Auch dieses Urteil ist ein Beitrag zur Auflösung der Tabugrenzen des Sagbaren. – Wir kennen die Wahlergebnisse der AfD.

Hieß es lange Zeit: Wehret den Anfängen –
heute muß es schon heißen: wehret den Zuständen!

Noch können wir es.

Vielen Dank für die Aufmerksamkeit“

Foto: Klaus Müller

Weitere Fotos der Veranstaltung von Klaus Müller sind hier zu finden.

Einladung zu einem Schweigemarsch mit anschließender Gedenkveranstaltung

5. November 2017

Einladung zu einem Schweigemarsch mit anschließender Gedenkveranstaltung anlässlich der Pogromnacht vom 9. November 1938, der Ermordung der elf Zwangsarbeiter am 25. Oktober 1944 und der Ehrenfelder Edelweißpiraten und anderer Widerstandskämpfer am 10. November 1944.

Am 10. November 2017 jährt sich zum 73. Mal der Tag, an dem in der ehemaligen Hüttenstraße, jetzt Bartholomäus-Schink-Straße, 13 Menschen, unter ihnen auch Edelweißpiraten, ohne Gerichtsurteil öffentlich vor Hunderten von Zuschauern durch den Strang exekutiert wurden. Vorher, am 25. Oktober 1944, ermordete die Gestapo am selben Ort 11 Zwangsarbeiter, deren Tod nicht vergessen werden darf. Wir möchten Sie daher zu einem Schweigemarsch mit anschließender Gedenkveranstaltung für

Freitag, 10. November 2017 18 Uhr:
Treffpunkt Körnerstraße in Ehrenfeld, wo früher die Synagoge stand, die in der Pogromnacht vor 79 Jahren geschändet wurde,
recht herzlich einladen.
Beginn der Gedenkveranstaltung vor dem Mahnmal
Bartholomäus-Schink-Straße / Venloer Straße: ca. 19 Uhr

Josef Wirges
Bezirksbürgermeister des Stadtbezirks Ehrenfeld der Stadt Köln
Rolly & Benjamin Brings & Gäste

Flyer

„Feuer aus den Kesseln“

27. Oktober 2017

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Zur Aktualität des Kampfes gegen den Krieg – Lesung aus Ernst Tollers Stück mit anschließender Podiumsdiskussion

Sonntag, 5. November 2017, 17:00 Schauspielhaus,

Außenspielstätte Offenbachplatz, Köln Innenstadt

Auf Grundlage der Tagebücher von Hans Becker, einem der Wortführer an dem Matrosenaufstand 1917 auf den Kriegsschiffen SMS Prinzregent Luitpold sowie SMS Friedrich der Große, beschreibt Ernst Toller in seinem expressionistischen Drama „Feuer aus den Kesseln“ 1930 die Gründe für die Entstehung dieser Aufstände. Es lesen Schauspieler*innen des Ensembles des Kölner Schauspielhauses.

In der Podiumsdiskussion diskutieren Sarah van Dawen-Agreiter (SJD/Die Falken), Benno Malte Fuchs (Bundesverband Soziale Verteidigung) und Beate Heine (Chefdramaturgin Schauspiel Köln) über die Aktualität zum Einsatz für den Frieden und gegen Krieg.

Die Moderation dieser Veranstaltung hat Hanna Parnow vom Friedensbildungswerk Köln.

Eine Zusammenarbeit vom Schauspielhaus Köln mit der SJD / Die Falken Gruppe Robert Blum, dem DGB Köln/Bonn und dem Friedensbildungswerk.

 

Die Teilnahme ist kostenlos

Flyer: Feuer aus den Kesseln

 

Wie halten wir den Aufstieg der Rechten auf? – Eine Diskussion mit Gerd Wiegel

11. Oktober 2017

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Donnerstag, 26. Oktober 2017, 18.00 Uhr
DGB-Haus, Hans-Böckler-Platz 1

 

Die Bundestagswahl vom 24. September hat ein Ergebnis, dass es so in der Geschichte der Bundesrepublik noch nicht gegeben hatte: Erstmals seit 1949 gelang einer Partei, die eine offen rassistische und völkische Politik vertritt, der Einzug ins höchste deutsche Parlament. Dieser Erfolg der AfD wirft für alle Demokrat(inn)en und Antifaschist(inn)en eine Reihe von grundlegenden Fragen auf:

  • Warum gelang den Rechten trotz aller Gegenwehr ein solcher Erfolg?
  • Woher kommen die AfD-Wähler(innen) und was sind die Gründe für ihre Wahlentscheidung?
  • Handelt es sich ausschließlich um überzeugte Rassist(inn)en, die bekämpft werden müssen oder geht es auch darum, einen Teil von ihnen zurück zu gewinnen für eine fortschrittliche Politik?
  • Wie sind die Austritte und Abspaltungen der AFD zu bewerten?
  • Wie muss der Kampf gegen Rechts geführt werden, damit er Erfolg haben kann und wir die blauen Braunen so schnell wie möglich wieder los werden?

Nachdem mehr als einen Monat nach den Wahlen alle Ergebnisse und viele Analysen vorliegen, wollen wir diese Fragen diskutieren. Es referiert Gerd Wiegel, Politikwissenschaftler und Referent für Rechtsextemismus und Antifaschismus Der Bundestagsfraktion DIE LINKE. Er veröffentlichte vor wenigen Monaten das Buch „Ein aufhaltsamer Aufstieg – Alternativen zu AfD & Co.“ im Kölner Papyrossa-Verlag.

 

Eine Veranstaltung der VVN-BdA Köln und Kein Veedel für Rassimus

Der Flyer zur Veranstaltung ist hier zu finden.

Demagogen, Populisten, Fremdenfeinde: Wie gefährdet ist die Demokratie durch eine radikale „Neue Rechte“?

29. September 2017

Freitag. 13. Oktober 2017
Demagogen, Populisten, Fremdenfeinde: Wie gefährdet ist die Demokratie durch eine radikale „Neue Rechte“?
Vortrag von Prof. Dr. Wolfgang Benz.

19:00 Uhr, NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23-25,
4,50, erm. 2,00 Euro

Schuld und Schulden: Hypotheken der deutschen Besatzungsherrschaft in Griechenland und Europa.

29. September 2017

Dienstag. 10. Oktober 2017

Vortrag von Karl Heinz Roth.
Die Reparationsfrage ist ein besonders umstrittenes Kapitel der europäischen Nachkriegsgeschichte. Während die großen Siegermächte in den ersten Nachkriegsjahren umfangreich entschädigt wurden, gingen die kleineren Länder Europas und zahlreiche Opfergruppen weitgehend leer aus. Zu ihnen gehörte auch Griechenland.

19:00 Uhr, NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz
23-25, 4,50, erm. 2,00 Euro

Lesung: Mit den Fingern in Asche geschrieben.

29. September 2017

Mittwoch, 4. Oktober 2017

Lesung mit den Roma-Schriftstellern Jovan Nikolic und Ruzdija Sejdovic
Moderation Dr. Karola Fings.
Begleitprogramm zur Sonderausstellung „Rassendiagnose: Zigeuner“: Der Völkermord an den Sinti und Roma und der lange Kampf um Anerkennung“.

19:00 Uhr, NS-Dokumentationszentrum,
Appellhofplatz 23-25, 4,50, erm. 2,00 Euro

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