„Erinnern, eine Brücke in die Zukunft!“ heißt seit Jahren das Motto der Kölner Gedenkveranstaltung am 27. Januar, dem Tag der Erinnerung an die Opfer der faschistischen Diktatur. In dieser Veranstaltung, deren Organisator(inn)en und Akteuren man für ihre jedes Jahr monatelange, oft aufreibende Vorbereitungsarbeit nicht genug danken kann, wurde in diesem Jahr besonders derjenigen Frauen und Männer gedacht, die 1945 aus Konzentrationslagern, Zuchthäusern oder tiefer Illegalität zurück kamen uns sich sofort an den Aufbau einer neuen, demokratischen Gesellschaft machten.
Die „Brücke in die Zukunft“ bildete die Erkenntnis, dass ihre Vorstellungen nicht nur nicht verwirklicht wurden, sondern das diejenigen, die dem Nazismus widerstanden hatten, in den Jahren nach 1947 häufig wieder zu einer unbequemen und politisch randständigen Gruppe gehörten. Waren sie Kommunist(inn)en, erwartete sie in den fünfziger Jahren wieder Verfolgung, Illegalität und Haft – manchmal in den gleichen Zuchthäusern, in denen sie wenige Jahre zuvor schon einmal einsaßen.
Im gut gefüllten Schiff der Antoniterkirche in der Schildergasse umriss Bürgermeisterin Elfi Scho-Antwerpes die Situation in Deutschland unmittelbar nach der Befreiung durch die Truppen der Alliierten: eine wirkliche, inhaltliche Auseinandersetzung mit Faschismus und Krieg fand weder in Politik und Wirtschaft, noch in den Köpfen der Mehrheit der Menschen statt. Sie wollten die von Hunger, Trümmern und Elend geprägte Situation in den Städten nicht reflektieren sondern sahen sich als unschuldige Opfer Hitlers und einiger weniger Naziführer. Auch die personellen Kontinuitäten in Verwaltung, Justiz, Politik und Wirtschaft der drei westlichen Besatzungszonen im Deutschland „des Jahres Null“ gehörten mit zum Bild, das die Bürgermeisterin entwarf und dem sie mit Zitaten der sozialdemokratischen Remigrant(inn)en Susanne Miller und Marianne Kühn Farbe gab. Deshalb betonte sie, dass die „Rückkehrer hohen Respekt verdienen, denn sie zogen sich nicht ins Private zurück“, sondern machten sich an den Wiederaufbau von Gewerkschaften, Parteien und Presse.
Was sie damit meinte, machten die Sprecher(in) Monika Mainka, Axel Gottschick und Josef Tratnik erfahrbar, die die von einer kleinen Gruppe von Aktiven erarbeitete Textcollage vortrugen. Am Beispiel einer Kölnerin (Maria Fensky) und drei Kölnern (Robert Görlinger, Willi Schirrmacher und Leo Schwering), die aus Illegalität und Haft in ihre völlig zerstörte Vaterstadt zurückgekehrt waren, wurden die Vorstellungen, Aktivitäten und Entäuschungen der ehemaligen politischen Häftlinge dargestellt und mit Bildern illustriert. Es war deprimierend zu erfahren, dass von den 15 aus den Reihen der Kölner Buchenwald-Häftlinge als für die Verwaltung geeignet vorgeschlagenen Männern nur einige wenige in die erste Stadtverwaltung unter Oberbürgermeister Adenauer übernommen wurden – und die auch nur auf zweit- und drittrangigen Positionen. Die Erklärung für diese Tatsache folgte wenig später, als Robert Görlingers (er wurde später Kölner Oberbürgermeister) Protest vorgetragen wurde, in dem er Adenauer vorwarf, die Stadtverwaltung in erster Linie mit seinen politischen Freunden zu besetzen.
Fast ein wenig unpassend erschien dann der Zwischenruf aus dem Publikum „Und was war mit Hoegen?“. Nachdem in einem kurzen Satz erläutert wurde, das besagter Hoegen einer der übelsten Folterer und Mörder der Kölner Gestapo war, wurde, ebenfalls aus den Zuschauerreihen dessen Nachkriegsschicksal geschildert. Rasch wurde klar, dass es sich bei den Fragen nach dem Umgang der Justiz mit Kölner Nazimördern um einen Teil des Programms gehörte, gleichsam eine Ergänzung zu dem Text, der von vorne vorgetragen wurde. Diese Neuerung in der Darstellung setzte einen Kontrapunkt und regte, auch durch ihre dialogische Form, zu weiterem eigenem Nachdenken an.
Nachdem die Gedenkveranstaltung durch das Jansa Duo (Chrstine Rox und Klaus-Dieter Brandt), das Kammermusik zweier verfolgter (und in einem Fall ermordeter) jüdischer Komponisten spielte, abgeschlossen worden war, ging ein großer Teil der Teilnehmer(innen) in einem Mahngang zum Rathaus, wo die Namen und Lebensläufe der 11 Kölner Ratsherren vorgetragen wurde, die von den Nazis ermordet wurden.




