Redebeitrag anläßlich des Jahretages der Reichspogromnacht

15. November 2014

Bergisch Gladbach 002

Am 8. September fand in Bergisch-Gladbach die traditionelle Mahnwache anlässlich des Jahrestages der Reichspogromnacht statt. Diese Gedenkveranstaltung wird seit Jahrzehnten von einem breiten gesellschaftlichen Bündnis organisiert und getragen.Als Vertreter der VVN-BdA Köln sprach Olaf Seiler. Hier seine Rede:

„Am 16. Oktober 1939 haben wir uns auf dem Bahnhof der Stadt Weimar befunden. Ich kann mich genau erinnern, weil ich in der Jugend ein Buch über Weimar und seine berühmten und angesehenen Gelehrten gelesen hatte. Zunächst dachte ich, hier in Weimar kann dir nichts Böses widerfahren, aber bald merkte ich, dass ich mich getäuscht hatte… Wir mussten vom Bahnhof nach rechts abbiegend marschieren… An beiden Seiten der Strasse standen Massen von Menschen, Männer, Frauen, Kinder, die uns als polnische Schweine und Banditen beschimpften. Mein Herz wurde immer verzagter, als ich die bösartigen Menschenmassen sah, die uns Überfallene, Gequälte und Geschlagene bedrohten. Ich glaube, die Menschen waren einfach so böse, weil wir Polen waren… So kamen wir halbtot auf dem Appellplatz an.“

Krystiam Chwistek, Häftling im Konzentrationslager Buchenwald 1939 – 1942, Brief vom 15.04.1976, BwA 52-6-22

Die Eindrücke und das Schicksal von Krystian Chwistek, einem nach Deutschland verschleppten Polen, meine sehr geehrten Damen und Herren, steht stellvertretend für Millionen Menschen in Europa, die durch den nationalsozialistischen Terror erniedrigt, gequält, verschleppt, zur Zwangsarbeit gezwungen oder ermordet wurden.

Aber wie konnte es im Land der Humanisten, Dichter und Denker überhaupt dazu kommen?

Mangelndes Demokratieverständnis und die große Not nach einem verlorenen Krieg machten viele Menschen empfänglich für die nationalistischen und rassistischen Parolen der Nazis. Finanziell unterstützt durch große Teile der Industrie, konnten die Nazis so weit vor 1933, den politischen Gegner bekämpfen und ihre Ideologie des völkischen Rassismus mit pseudosozialen Phrasen unter alle Schichten der Bevölkerung streuen. Bedingt durch die Weltwirtschaftskrise, einer hohen Arbeitslosigkeit und Ängsten vor dem sozialen Abstieg, gerade bei Beamten und in der so genannten Mittelschicht, fielen die Parolen der Nazis weiter auf fruchtbaren Boden.

Auch der Richtungsstreit zwischen SPD, KPD und Gewerkschaften trug schließlich mit dazu bei, dass bürgerlich, konservative Kräfte den Nazis am 30. Januar 1933 die Macht in Deutschland übergeben haben und sich der Terror gegen den politischen Gegner weiter verstärken konnte.

Einschüchterung, Hausdurchsuchungen, Verhaftungen, Sippenhaft, brutale Folter und Morde gegen Kommunisten, Sozialdemokraten, Gewerkschafter, Homosexuelle und viele andere Nazigegner oder Menschen, die nicht in das völkisch rassistische Bild der Nazis passten, waren die Folge.

Das verbrecherische und antisemitische Pogrom, am 9. November 1938, was die Nazis zynisch „Reichskristallnacht“ nannten, war dann ein weiterer Höhepunkt der jahrelangen Verfolgung und Entrechtung jüdischer Menschen, die ab 1941 in einem industriell und staatlich organisierten Massenmord endete.

Mit dem Überfall auf Polen, am 1. September 1939, begann Hitlerdeutschland den zweiten Weltkrieg, Deutsche Militärstiefel zertraten halb Europa. Neben Zerstörung, Hunger, Terror und Mord in den okkupierten Ländern, wurden Millionen Männer, Frauen und Kinder zur Zwangsarbeit nach Deutschland verschleppt.

Am 8. Mai 1945 erlebten die Menschen in Europa dann die endgültige militärische Zerschlagung des deutschen Faschismus. Der Kampf der Alliierten zur Befreiung der Welt von faschistischer Unterdrückung, Barbarei und Völkermord fand damit ein erfolgreiches Ende.

Es waren die Angehörigen der Streitkräfte der Alliierten, vor allem die Angehörigen der Sowjetarmee, die die Hauptlast des Krieges trugen, um die faschistische Bedrohung militärisch zu zerschlagen.
Es waren Partisanen und Widerstandskämpfer in allen besetzten Gebieten, aber auch viele deutsche Antifaschisten, die ihr Leben einsetzten, um ihre Heimat von der Nazibarbarei zu befreien.

Nichts und niemand darf jemals in Vergessenheit geraten!

Auch nicht die Qualen und Demütigungen, die grauenvollen Umstände und Lebensbedingungen, nicht den massenhaften Tod und auch nicht die Augen der Kinder in den Lagern, die keine Tränen mehr hatten.

Vergessen dürfen wir aber auch nicht die Täter und die Profiteure von Zwangsarbeit und Arisierung.
Nicht die Blutrichter des Volksgerichtshofs, die Staatsanwälte, die Mörder bei der Gestapo, in Polizeibatallionen und Wehrmacht, so wie viele andere, die durch eine rassistische Ideologie und einem übersteigerten Nationalismus zu Mördern und Mittätern wurden und nach 1945 von allem nichts gewusst haben wollen.

Sie haben schlichtweg nicht nur Befehle ausgeführt. Nein – sie haben und dafür sprechen allein schon vielfach die hohen Dienstränge – willig, gern und freudig einem verbrecherischen System gedient und sich mit ihm identifiziert.

Viele dieser Mörder konnten nach 1945 in Westdeutschland erneut die Karriereleiter in Polizei, Justiz, Verfassungsschutz, Politik, Bundeswehr und Wirtschaft ersteigen. Auch wenn sie größtenteils nie für ihre Untaten bestraft wurden, ihre Schuld lastet auch heute noch auf dem Staat Bundesrepublik.
Die Spuren, die diese Täter beim Aufbau der Bundesrepublik hinterlassen haben, wurden nicht nur am jahrzehntelangen einseitigen Geschichtsbild und dem Umgang mit dem NS-System sichtbar, sondern sind heute noch beim pfleglichen Umgang von Exekutive und Jurisdiktion mit dem aufstrebenden Rechtsextremismus spürbar.

Denn es vergeht kaum ein Wochenende, an dem nicht faschistische Gruppierungen oder Parteien auf unseren Straßen und Plätzen aufmarschieren. Andersdenkenden und Andersaussehende von Rechten bedroht, angegriffen oder umgebracht werden.

Die Polizei sieht, wie in Köln vor drei Wochen, entweder dem Treiben der Nazis zu, verharmlost und /oder verweist auf die skandalösen Urteile des Bundesverfassungsgerichtes zu Gunsten der Naziumtriebe.

Diese Urteile werden dann bei vielen rechten Aufmärschen zum Anlass genommen, die Straßen gewaltsam und mit unverhältnismäßigen Mitteln für die pseudosozialen und rassistischen Agitationen der Nazis frei zu räumen und massiv gegen die Gegendemonstranten vorzugehen.
Eine unheilvolle Entwicklung, die erschreckende Parallelen zur Weimarer Republik aufweist und an der auch die Verfassungsschutzämter einen nicht unerheblichen Anteil haben.

Die V-Leute Praxis der Verfassungsschutzämter hat nicht nur den Neonazismus in der BRD über jahrzehnte finanziert, nein sie hat ihn auch gestärkt und offensichtlich aufgebaut, damit zu einer faktischen Bestandsgarantie der NPD geführt und auch die rassistische Mordserie des so genanten „NSU“ ermöglicht.

Ein beispielloses Staatsversagen – und ich zitiere hier aus den Abschlussberichten der NSU-Untersuchungsausschüsse des Deutschen Bundestages und des Landes Thüringen – ein beispielloses Staatsversagen, durch einen latent vorhandenen institutionellen Rassismus bei den Sicherheitsbehörden und Vertuschung bei den Ermittlungsbehörden, hat über Jahre die Opfer und ihre Angehörigen zu Tätern gemacht.
Zwei Jahre nach dem Versprechen der Bundeskanzlerin zur umfassenden Aufklärung und den Handlungsempfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses, blockieren Polizei und Verfassungsschutz immer noch die weitere Aufklärung.

Was und wie viel wussten die Geheimdienste in den Jahren 1998 bis zum 4. 11. 2011?
Haben V-Männer oder ihre V-Mannführer die Taten gefördert, ermöglicht, gedeckt?
Warum wurden am 11. November 2011, also eine Woche nach Bekanntwerden der Mordserie, die Akten von sieben V-Leuten mit engen Bezügen zur Neonaziszene in Thüringen beim Verfassungsschutz in Köln geschreddert?

Fragen, die auch die Opfer des Nagelbombenanschlags in der Kölner Keupstr. gerne beantwortet hätten. Aber selbst der Generalbundesanwalt umgeht beim Prozess in München die berechtigten Interessen und Rechte der NSU-Opfer, in dem er sie zu scheinbar unnötigen Verfahrensballast degradiert und versucht wichtige Fragen z.B. zum braunen Unterstützernetzwerk, aus dem Prozess herauszuhalten.

Diese skandalösen Vorgänge zeigen uns, dass rotz aller politischen Willensbekundungen der Bundesregierung und den Handlungsempfehlungen des NSU-Untersuchungsausschusses, bis jetzt kaum Konsequenzen aus dieser braunen Mordserie gezogen worden sind und auch der Verfassungsschutz in dieser Form weder kontrollier- noch erneuerbar ist.

Also werden Nazis und Rechtspopulisten auch künftig die Verfassung und parlamentarische Strukturen als Plattform nutzen, um ihre rassistische und menschenverachtende Ideologie zu verbreiten.

Meine Damen und Herren,

wer aber wie Nazis und Rechtspopulisten, Menschen in unserem Land, aus rassistischen und nationalistischen Gründen das Lebensrecht abstreitet, kann und darf sich nicht auf Toleranz und Meinungsfreiheit berufen.

Gefahr droht aber nicht nur durch den anwachsenden Rechtsextremismus, sondern auch durch erhebliche Fehlentwicklungen auf staatlicher Ebene:

Fortschreitender Sozial – und Demokratieabbau und der beharrliche Umbau des Rechtsstaats in einen Staat der Bevormundung und Überwachung.

Denn wer weiterhin Bildungseinrichtungen und Jugendzentren finanziell das Wasser abgräbt, wer Hartz IV sozial gerecht nennt und Menschen zum Auszug aus ihrer bisherigen Wohnung nötigt, wer Asylbewerber mit einem Leistungsgesetz rechtlich diskriminiert, wer NPD und Linkspartei versucht gleichzusetzen und dann zum Aufstand der Anständigen aufruft, macht sich unglaubwürdig im Kampf gegen den Rechtsextremismus.

Meine Damen und Herren,

„Die Vernichtung des Nazismus mit seinen Wurzeln ist unsere Losung. Der Aufbau einer neuen Welt des Friedens und der Freiheit ist unser Ziel. Das sind wir unseren gemordeten Kameraden und ihren Angehörigen schuldig.“
so heißt es im Schwur von Buchenwald, den die 20.000 Überlebenden des faschistischen Konzentrationslagers am 19. April 1945 bei ihrem ersten Freiheitsappell schwörten.

Und er gilt heute immer noch, angesichts der über 175 Toten durch rassistische und rechtsextremistische Übergriffe seit 1990 in der Bundesrepublik und einem offensichtlich vorhandenen institutionellen Rassismus, der auch für eine repressive Flüchtlingspolitik verantwortlich ist.

Es ist also eine große Herausforderung und eine tägliche Aufgabe für jeden demokratisch denkenden und handelnden Menschen, egal ob Sozialdemokrat, Sozialist, Christ, Muslim, Jude oder Atheist, gemeinsam in Gruppen und Organisationen, neofaschistische Aktivitäten und Rassismus zu unterbinden und weiteren Sozialabbau zu verhindern.

Insofern bedanke ich mich für die Einladung zur heutigen Veranstaltung und für ihre Aufmerksamkeit.

Bergisch Gladbach 001

Gedenktafel am Oscar-Romero-Haus Bonn

15. November 2014

Am 04.11.2014 hat die Bezirksvertretung Bonn einstimmig beschlossen das
am Oscar -Romero-Haus in Bonn eine Gedenktafel angebracht wird, die an
die Geschichte des Hauses in der Zeit des Nationalsozialismus und an den
dort zu Tode gefolterten Bonner Antifaschisten und Kommunisten Josef
Messinger erinnert.

Angeregt hatte dies eines unserer Mitglieder in Bonn.

Geschichte zum Oscar Romero Haus:

Geschichte des Hauses

Geraubte Kindheit – Gespräch mit Peter Hartl und Alojzy Twardecki

5. November 2014

Donnerstag, 13. November

Alojzy Twardecki ist in der Nähe von Posen in Polen aufgewachsen,  bis er drei Jahre alt war. Dann entriss die SS ihn seiner Familie und schickte ihn zur Adoption in eine regimetreue Familie nach Koblenz. Auf diese Weise wollten die Rassenideologen ihrem Reich „erbgesunden“ Nachwuchs zuführen. Allein in Polen wurden 200.000 Kinder Opfer dieser Wahnidee. Alojzy Twardecki lebt heute in Warschau.
Er ist der Veranstaltung live zugeschaltet.

Eintritt: 4,50/2 Euro, 19 Uhr, NS-Dokumentationszentrum, Appellhofplatz 23-25

Erinnerung an die Reichspogromnacht

5. November 2014

Sonntag, 9. November

17.00 bis 19.00 Uhr, Synagoge in der Roonstr. 50

Neonazis und Hooligans randalierten Polizei spielt Gefahr herunter

5. November 2014

HoGeSa Kundgebung am Breslauer Platz

HoGeSa Kundgebung am Breslauer Platz

Geschätzte 4000 „Hooligans gegen Salafisten“(HoGeSa)-SympathisantInnen aus der gesamten BRD versammelten sich am 26.10. am Breslauer Platz. HoGeSa behauptet von sich, mit Politik nichts zu tun zu haben, es ginge lediglich um „die Sache“, den Protest gegen „Salafisten“. Rufe wie „Frei Sozial National“, „Hier marschiert der nationale Widerstand” und „Deutschland, Deutschland“ prägten jedoch ihre Kundgebung und verliehen ihr den Charakter einer nationalistischen und islamfeindlichen Manifestation. Neben extrem rechten Hooligans beteiligten sich Mitglieder „freier Kameradschaften“, der NPD oder der Partei „Die Rechte“ an der Veranstaltung. Das „Freie Netz Hessen“ war ebenso wie die „Identitäre Bewegung“ mit einem eigenen Transparent vertreten.

HoGeSa Kundgebung am Breslauer Platz

HoGeSa Kundgebung am Breslauer Platz

Das Kölner Bündnis „Kein Veedel für Rassismus“ hatte zu einer Gegenkundgebung aufgerufen. Hier ihr Bericht: Die Kundgebung von „Kein Veedel für Rassismus“ begann um 14.00 Uhr, verlief absolut friedlich und wurde mit einer geschlossenen Demonstration um 16.30 Uhr durch die Stadt bis zum Friesenplatz beendet. Auf der Kundgebung selber wiesen verschiedene Redner*innen – u.a. von „kein mensch ist illegal“, „Kein Veedel für Rassismus“, der Initiative „Keupstraße ist überall“, ver.di, VVN-BdA, des Antifa AK u.a. auf den rassistischen und gewaltbereiten Charakter von HoGeSa hin. Außerdem gab es ein Musikprogramm, Peter Brings trat mit einem Wortbeitrag auf. Unsere Kundgebungsleitung machte die Polizei mehrere Male darauf aufmerksam, dass Hool-/Nazigruppen unsere Kundgebung stören und angreifen wollten. Eine Reihe unserer Teilnehmer*innen postierte sich daraufhin mit Transparenten vor den Bahnhofseingängen zum Schutz unserer Kundgebung. HoGeSa_03 Auf weiten Strecken unbegleitet von der Polizei konnten fast 4.000 gewaltbereite Hooligans und Neonazis im Anschluss an eine Kundgebung auf dem Breslauer-Platz demonstrieren. Dabei wurden Fotograf*innen, Journalist*innen und Passanten am Eigelstein, und im Kunibertsviertel angegriffen und verletzt. Gegen Ende der Demonstration eskalierte die Situation am und auf dem Breslauer-Platz. Die Anhänger*innen der HoGeSa zündeten Böller, warfen Flaschen und einen Polizei-Bulli um. Die Lage am Breslauer-Platz war lange außer Kontrolle. Die Randale konnte fast ungehindert von der Polizei stattfinden. Die Randalierer*innen konnten nach einiger Zeit den Breslauer-Platz ungehindert verlassen. Diese Situation war lange vorhersehbar. „Kein Veedel für Rassismus“ hatte schon im Vorbereitungsgespräch mit der Polizei mehrfach darauf hingewiesen, dass Auseinandersetzungen vorprogrammiert wären. Umso unverständlicher ist das Konzept der Polizei gewesen. Wie auch von uns vorhergesagt nahmen zahlreiche organisierte Neonazis an der Kundgebung und Versammlung teil. Dominik Roeseler („Pro NRW“) führte die Demonstration der HoGeSa mit an. Weitere Neonazigruppen aus dem Ruhrgebiet und Rheinland, unter ihnen Siegfried „SS-Siggi“ Borchardt waren ebenfalls in Köln. NRW-Innenminister Ralf Jäger verteidigte das Konzept der Sicherheitskräfte am Morgen des 27.10. im ZDF, „das Konzept habe funktioniert“. Angesichts stundenlanger gewalttätiger Übergriffe von Neonazis und Hooligans auf Passanten, Journalist/innen und Polizisten mit weit über 50 Verletzten können wir dieser Einschätzung nur entschieden widersprechen. Das einzige Konzept, was die Polizei hatte, war linke und rechtsradikale Demonstrant*innen auseinanderzuhalten. Da hat Herr Jäger Recht, das hat funktioniert, wenn auch nur durch unsere tätige Mithilfe. Was gar nicht funktioniert hat, war der Schutz der Bevölkerung vor rechter Gewalt. Dafür gab es einfach kein Konzept, sondern nur die bekannte Blindheit deutscher Sicherheitsbehörden auf dem rechten Auge, was das rechtsradikale Gewaltpotential betrifft. Der Umgang der Sicherheitsbehörden mit dem NSU und der Keupstraße in Köln lässt grüßen. Auf der Kundgebung sprach Peter Trinogga für die VVN -BdA. Wir dokumentieren seine Rede: Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten, liebe Freunde, sind die Nachrichten aus Kobane, der Stadt, deren Bewohnerinnen und Bewohner seit Wochen verzweifelt um Ihre Freiheit ringen, nicht dazu angetan, heute, morgen und in Zukunft nicht nachlassend gegen die djihadistische Mörderbande, die sich „Islamischer Staat“ nennt, aktiv zu werden? Sind die Schlächter von kurdischen, jezidischen, schiitischen und christlichen Menschen, von Tausenden, die sich ihren mittelalterlichen Vorstellungen nicht unterwerfen wollen, nicht diejenigen, gegen die wir, alle religiösen, weltanschaulichen und politischen Unterschiede beiseite schiebend, zusammenstehen müssen? Warum stehen wir dann hier vor dem Bahnhof und protestieren gegen Leute, die für sich in Anspruch nehmen, gegen den Salafismus zu sein? Ist das nicht ein Widerspruch? Nein, denn die HoGeSa, die „Hooligans gegen Salafismus“, die Neonazis und Rassisten, die wenige hundert Meter von hier entfernt ihre menschenfeindlichen Parolen herausbrüllen, sind genau aus dem gleichen Holz geschnitzt, wie die selbsternannten Gotteskrieger. Es eint sie der gleiche wahnhafte Hass auf alle diejenigen, die nicht so sind und auch nicht so sein wollen, wie sie selbst. Liebe Freundinnen und Freunde, auf dem Breslauer Platz und im Kunibertsviertel geht es nicht um Salafismus, um Scharia oder um Solidarität mit den Menschen in den kurdischen Gebieten. Die meisten, die jetzt dort stehen, werden von Menschenfeindlichkeit, von Rassismus, von Neofaschismus angetrieben. Um das zu beweisen, lasst mich einige Eintragungen von der Facebookseite, auf der die Hooligan-Demonstration beworben wird, zitieren: w Über die schwarz-rot-goldene Deutschlandfahne, die die Rassisten so gerne schwenken, heißt es: „Wer sich für diese Drecksfarben hergibt, braucht sich über die heutige Situation gar nicht zu bescheren“. Der Autor dieser Zeilen liefe nämlich lieber unter der schwarz-weiß-roten Reichsflagge.

  • Wir Antifaschisten werden als „links-rot-grün versiffte Gegendemonstranten“ beschimpft.
  • Ein Dritter meint: „Ich kann nicht mehr zusehen, wie mein Land ausgesaugt wird und letztlich daran kaputt geht“.
  • Und es wird nicht einmal davor zurückgeschreckt, nur leicht verhüllt zu rassistischen Pogromen aufzurufen: „Auf geht’s nach Hoyerswerda, da hatten wir das Spielchen schon mal, vor ca. 23 Jahren.

Das waren nur vier Beispiele aus einer Vielzahl Brechreiz erregender Kommentare. Auf den Facebookseiten der HOGESA und ähnlicher Gruppierungen toben sich der „gesundes deutsches Volksempfinden“ genannte Rassismus genauso aus, wie Neonazismus, menschenverachtende Dummheit und Brutalität. Diejenigen, die so schreiben, die sind nicht gegen Salafisten – die sind gegen die Menschenrechte! Und deshalb gilt es, sie genauso zu bekämpfen, wie ihre Brüder im Geiste, die Propagandisten der djihadistischen Mörderbanden in Syrien und im Irak. Die einen sprechen von Gott (und das ist nicht der Gott der allermeisten Muslime) und meinen eine feudalistische, religiös verbrämte Diktatur. Die anderen reden von Salafismus und wollen ein in ihren Augen ethnisch reines Deutschland, in dem für andere Menschen, Fremde, Andersgläubige und Andersdenkende kein Platz sein soll. Sie geben sich unterschiedlich, ja feindlich, und meinen doch Gleiches – und darum bekämpfen wir beide. Wir wollen eine demokratische Welt, in der weder Platz für Rassisten noch für selbstberufene Gotteskrieger ist.

Foto: Kein Veedel für Rassismuss

Foto: Kein Veedel für Rassismuss

Die Opfer des rassistischen NSU-Terrors bleiben unvergessen!

5. November 2014

Am 4. November 2011 enttarnte sich der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) selbst. Von diesem Tag an ließ sich nicht mehr vertuschen, dass ein Neonazi-Netzwerk unbehelligt neun rassistisch motivierte Morde begehen und mindestens zwei Bombenanschläge verüben konnte. Die Betroffenen und Angehörigen wurden über Jahre hinweg kriminalisiert und öffentlich beschuldigt. Nach Tätern aus der Neonaziszene wurde nie ernsthaft gesucht. Am Jahrestag der Selbstenttarnung wird sich die öffentliche Wahrnehmung wieder kurzzeitig auf den NSU und somit auf die Täterseite richten.
Die Initiative Keupstraße wird deshalb am 4. November 2014 an die Opfer der NSU-Morde und der Bombenanschläge in der Kölner Probsteigasse und Keupstraße erinnern. Sie wird die Schanzenstraße an der Ecke zur Keupstraße symbolisch in Halitstraße umbenannt. Halit Yozgat war das neunte Opfer der NSU-Mordserie. Er wurde am 6. April 2006 in dem von ihm betriebenen Internetcafé an der Holländischen Straße in Kassel erschossen. Halit Yozgat wurde 21 Jahre alt.
Zeitgleich werden um 17.30 Uhr an diesem Tag auch in anderen Städten Straßen nach den Opfern dieser rassistischen Mordserie und den Orten der Bombenanschläge benannt. In Kassel wird beispielsweise eine Straße den Namen „Keupstraße“ erhalten. Mit dieser Aktion werden bundesweit antirassistische Initiativen und Einzelpersonen Solidarität mit den mehr als 30 Nebenkläger_innen im NSU-Prozess und den Angehörigen der Opfer zeigen.

Der Tag X in München

Die Initiative ›Keupstraße ist überall‹ hat sich gegründet, um in Vorbereitung auf die Verhandlungstage im NSU-Prozess in München aktiv zu werden. Wann das genau sein wird, steht immer noch nicht fest. Evtl. im Januar. Am Ende des ersten Verhandlungstages zu dem Attentat in der Keupstraße, dem Tag X, wird gemeinsam mit dem Münchner ,Bündnis gegen Naziterror und Rassismus‘ und Initiativen aus anderen Städten, in denen der NSU gemordet hat, in München demonstriert. Vor dem Gerichtsgebäude wird ab 9 Uhr eine Dauerkundgebung stattfinden. Nach der Demonstration ist ein Treffen aller Beteiligten in den Räumen von werkmünchen geplant. Und auch während der folgenden Verhandlungstage, die sich durchaus über mehrere Wochen ziehen können, will die Initiative vor Ort sein.

Wer mitfahren möchte nach München, kann sich über die Webseite der Initiative dafür anmelden. (www.keupstrasse-ist-ueberall.de)
Jeder, der mitfahren möchte, sollte dies unabhängig von seiner finanziellen Situation können. Dazu braucht die Initiative Spenden:

Spendenkonto:
VVN Köln e.V.
Santander Bank
BLZ 500 333 00
Kto. 1130469000
IBAN: DE08500333001130469000
Stichwort: Keupsolidarität

Gedenken an die hingerichteten Ehrenfelder Edelweißpiraten, Zwangsarbeiter und andere Widerstandskämpfer

5. November 2014

Gedenkveranstaltung am Montag, 10. November in Ehrenfeld

Am 10. November jährt sich zum 70. Mal der Tag, an dem an der Bartholomäus-Schink-Straße, der ehemaligen Hüttenstraße, 13 Menschen, darunter einige Ehrenfelder Edelweißpiraten, ohne Gerichtsurteil und öffentlich vor über 400 Zuschauern von Helfern des NS-Regimes exekutiert wurden.
Zugleich soll der Pogromnacht am 9. November 1938 und der Ermordung von 11 Zwangsarbeitern am 25. Oktober 1944 gedacht werden.

Treffpunkt Körnerstraße in Ehrenfeld (an der ehemaligen Synagoge), 18 Uhr, ab 19 Uhr Beginn der Gedenkveranstaltung an der Bartholomäus-Schink-Str./Ecke Schönsteinstr. vor der Gedenktafel

„Krieg im 21. Jahrhundert verhindern“

5. November 2014

Demonstration in Kalkar am 3. Oktober

kalkar
Die Demonstration „Den Roboter-Krieg im 21. Jahrhundert verhindern!“ gegen den NATO-Stützpunkt in Kalkar am 3. Oktober konnte mit 750 Demonstranten eine Verdreifachung der Teilnehmerzahl zum Vorjahr verzeichnen. Viele Bündnispartner hatten mit aufgerufen. Darunter auch viele, die vorher nicht als Unterstützer aufgelistet wurden, so die regionalen Friedensforen des Ruhrgebiets. Konstantin Wecker rief auf seiner Startseite nach Kalkar auf, auch weitere Künstler wiesen darauf hin. (Auch aus Köln fuhr ein Bus über Düsseldorf nach Kalkar, d. Red.)
Die Rednerin der VVN-BdA und Gewerkschafterin Andrea Randerath, berichtete, wie man die Öffentlichkeit nur sehr zurückhaltend darüber informiert, was in Kalkar läuft.
Ulrich Sander, Bundessprecher der VVN/BdA verwies auf Flugunfälle im militärischen Zuständigkeitsbereich von Kalkar und fragte: „Wie leicht kann da der Funke überspringen und es kommt zum großen Krieg?“
Andrej Hunko kritisierte, dass die Rüstungsindustrie auf Kosten der sozialen und Bildungsaufgaben des Staates ihren privaten Gewinn davonträgt, wenn wie hier Unsummen in die Infrastruktur der Armee aufgewandt werden.
Bernhard Trautvetter vom Essener Friedensforum warnte davor, dass man konkret auf den Tagungen des Joint Air Power Competence Center – die nächste ist im November, in 6 Wochen – die Orientierung ausgibt, dass ein großer Krieg (major war) erwartet wird, den man dann vorzubereiten habe, um mit „offensiven Instrumenten für Schläge“ den Erfolg davon tragen zu können. Eine Tagung, die derart flagrant gegen das Grundgesetz verstößt, gehöre verboten, die Einrichtung müsste entsprechend geschlossen werden und Konversion der NATO-Infrastruktur in Kalkar sei die Lösung. Es besteht ein großer Bedarf an solchen Einrichtungen der Konversion, auch für den Austausch der vielen jungen FriedensfreundInnen mit den erfahrenen Kräften, die seit den ersten Ostermärschen vor über 50 Jahren dabei sind. Alle beteiligten Seiten zeigten sich daran interessiert, solche Möglichkeiten zu schaffen.
Künstler trugen auf der Abschlusskundgebung den Text von Bertolt Brecht vor, den er 1952 für die Wiener Friedenskonferenz für Völkerverständigung geschrieben hat, demzufolge das Gedächtnis der Menschheit so kurz ist: „Allzu viele kommen uns schon heute vor wie Tote, wie Leute, die schon hinter sich haben, was sie vor sich haben, so wenig tun sie dagegen.“
Die Friedensdemonstranten vereinbarten, solange mit immer mehr Menschen zusammen wiederzukommen, bis die Einrichtung für die „Kriegsführung im 21. Jahrhundert“ (NATO-Konferenztitel 2012 in Kalkar) Geschichte ist.
Einige der Reden sind im Wortlaut auf der Internetseite der VVN-BdA NRW dokumentiert.

Bernhard Trautvetter, www.nrw.vvn-bda.de

Neues vom Rechten Rand

5. November 2014

Am 13. Oktober gab der Kölner Ableger der rassistischen „German Defence League“ (GDL) seine Auflösung bekannt. Kritisiert wurde u.a. die „schwache Führung“ der GDL. Künftig wollen die ehemaligen GDL-Akteure unter dem Label der nationalistischen „Identitären Bewegung Deutschlands“ (IBD) auftreten. Als erste Amtshandlung der nun vergrößerten Kölner IBD-Gruppe begrüßt diese den für den 26. Oktober am Kölner Hauptbahnhof angekündigten Aufmarsch des rechten Hooligan-Netzwerks „Hooligans gegen Salafisten“ (HoGeSa). Dieser war von dem Mönchengladbacher Stadtrat der extrem rechten „Bürgerbewegung pro NRW“, Dominik Roeseler, angemeldet worden, der am 12. Oktober zum stellvertretenden „Regionalleiter West“ der HoGeSa aufgestiegen ist. Offenbar hofft das rechte Hooligan-Netzwerk, dadurch seinen Einfluss auf die Kölner Fußballfan-Szene zu erhöhen.
Hier gibt es seit einiger Zeit freundschaftliche Beziehungen einer Kölner „Ultra“-Gruppierung zu einer Hooligan-Gruppe in Dortmund, die über gute Verbindungen in die Neonazi-Szene verfügt. Schon im März 2014 hatten Akteure der IBD gemeinsam mit rechten Hooligans gegen eine Kundgebung von Salafisten in Hannover demonstriert.
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Eine wichtige Rolle bei der IBD im Köln-Bonner Raum spielt derzeit Melanie Dittmer aus Bornheim bei Bonn. In den 1990er Jahren nahm Dittmer in der militanten Neonazi-Szene in NRW eine nicht unbedeutende Position ein. Die damals in Dorsten lebende Dittmer engagierte sich bei den „Deutschen Nationalisten“, einer Ersatzorganisation für bis dahin verbotenen Neonazigruppierungen. Mitte der 1990er Jahre wechselte Dittmer zu den „Jungen Nationaldemokraten“ (JN) der NPD, engagierte sich für die „Kameradschaft“ Dorsten und schrieb für JN-Zeitungen und extrem rechte Fanzines. Ende der 90er Jahre kehrte Dittmer der JN den Rücken und zog nach Düsseldorf. Hier betrieb sie den „Hagalez-Versand“ und versuchte im Geschäft mit dem Rechtsrock Fuß zu fassen. Dann verlor sich Dittmers Spur.
Nun taucht sie in Bornheim wieder auf und mischt jetzt im Köln-Bonner Raum mit. Ein Foto auf der Internetseite von linksunten.indymedia zeigte Dittmer jüngst mit dem unlängst nach Bonn verzogenen Julian Fritsch (dem rechten Rapper „Makss Damage“) und Matthias Drewer, ehemals „Kameradschaft Hamm“, am Köln-Deutzer Rheinufer.
Auffällig ist eine wieder zunehmende Militanz in der Köln-Bonner Neonazi-Szene. Die gewalttätigen Übergriffe auf eine alternative Kneipe bzw. dessen Inhaber in Köln-Mülheim gehören ebenso dazu wie der Überfall einer Gruppe rechter Hooligans auf eine alternative Kneipe in Bonn Anfang Oktober.

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Die Kölner Gruppe des Nationalkomitees Freies Deutschland – Busfahrt nach Brauweiler

5. November 2014

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Vom Haus Sülzgürtel 8 aus organisierte im Herbst 1944 die Kölner Gruppe des „Nationalkomitees Freies Deutschland“ den Widerstand gegen das Naziregime. Sie wollte dazu beitragen, den Krieg zu beenden und einen demokratischen Wiederaufbau in Deutschland zu ermöglichen. Zu dieser größten und breitesten Widerstandsgruppe während des Krieges gehörten Kommunisten, Sozialdemokraten und parteilose NS-Gegner und -Gegnerinnen.

Haus Sülzgürtel 8

Haus Sülzgürtel 8

Am 24. November 1944 – vor 70 Jahren – verhaftete die Gestapo in diesem Haus die Leitung des Komitees und nahm später insgesamt 59 Mitglieder fest. Engelbert Brinker, Johannes Kerp, Otto Richter,  Wilhelm Tollmann, Max Neugebauer und Kurt Stahl  wurden von der Gestapo zu Tode gefoltert oder starben an den Folgen der Haft. Am 23. November 2014 erinnern wir an die Frauen und Männer der Widerstandsgruppe und machen eine Busfahrt  nach Brauweiler. Auf dem Gelände neben der Abtei befand sich ab September 1944 die Haftstätte des Gestapo-Kommandos Kütter. Dorthin wurden auch die verhafteten Mitglieder der Widerstandsgruppe gebracht  und bis zur Auflösung der Haftstätte am 10. Februar 1945 brutal misshandelt. Im ehemaligen Frauenhaus, dem einzig erhaltenen Trakt des Gefängnisses, befindet sich heute eine Gedenkstätte, durch die uns Josef Wißkirchen vom Pulheimer Verein für Geschichte führen wird.

Abfahrt Sonntag, 23. November 2014, 13.30 Uhr am EL-DE-Haus,  Appellhofplatz 23-25, Rückkunft gegen 17 Uhr, 10 Euro, 5 Euro ermäßigt. (Vereinsmitglieder sind frei.) Verbindliche Anmeldung unter Tel. 42 77 26, Anmeldungen werden in der Reihenfolge des Eingangs berücksichtigt. Begrenzung der Teilnehmerzahl auf 50. Veranstalter sind der Verein EL-DE-Haus und die VVN/BdA (Vereinigung der Verfolgten des Naziregimes – Bund der Antifaschisten).

Zur Geschichte der Kölner Widerstandsgruppe:

Die Kölner Gruppe zählte im Herbst 1944 ca. 200 Personen und wurde von den Kommunisten  Engelbert Brinker, Johannes Kerp, Otto Richter, Willi Tollmann und Jakob Zorn geleitet. Das Komitee war zwar kommunistisch geprägt, sprach aber mit seiner Zielsetzung – Sturz des NS-Regimes und Herbeiführung des Kriegsendes – auch Sozialdemokraten, Christliche und Bürgerliche an. Mehr als die Hälfte der Mitglieder waren keine Kommunisten. In größeren Betrieben, in den Humboldtwerken in Deutz, im Carlswerk in Mülheim, bei IG-Farben in Leverkusen und am Güterbahnhof Gremberghoven gab es Betriebszellen. Zu anderen Firmen wie Ford, Kolb, Mercedes und der Kölner Baumwollbleicherei bestanden einzelne Verbindungen. Über die Betriebe entstanden Kontakte zu Zwangsarbeitern. Die Gruppe streute mit einem Kinderdruckkasten hergestellte Flugblätter, in denen man zur Desertion von der Wehrmacht und zur Sabotage der Kriegsproduktion aufrief: „Arbeiter und Soldaten! Keine Stunde für den Krieg! Geht nicht zur Front, kämpft mit uns für den Frieden, für die Freiheit, für die Volksfront, gegen die Nazis“. Am 24. November 1944 verhaftete Gestapo-Kommissar Kütter bei einer Razzia die Führungsspitze in ihrer Zentrale am Sülzgürtel 8. Weitere Festnahmen folgten in den Wochen danach, insgesamt 59.
Grete Humbach erinnert sich:
„Am 24. November 1944 hat es bei uns geschellt… Als ich rausgehen wollte, stand der Kommissar Kütter mit gezogener Pistole vor mir.“ Der damals 16-jährige Sohn Heinz Humbach: „Wir mussten dann alle in der Küche zunächst einmal abwarten. Inzwischen war Willi Tollmann, der auf der zweiten Etage wohnte, aus dem Fenster gesprungen. Er wurde draußen gesucht, aber zunächst nicht gefunden, weil er sich trotz seiner Verletzung in ein ausgebranntes Haus hatte schleppen können und sich dort versteckt hielt.“ Jakob Zorn: „Morgens kurz nach acht befand ich mich mit meinem Rad auf dem Weg zu unserer Zentrale auf dem Sülzgürtel. Wir hatten zu dieser Zeit große Schwierigkeiten mit der Unterbringung der Illegalen, da alle paar Wochen irgendein gutes Quartier durch Bomben vernichtet wurde. So kam es, dass im Hause Sülzgürtel 8 mehrere unserer Freunde wohnten. Als ich nach den üblichen Vorsichtsmaßregeln das Haus betrat, schien alles in Ordnung zu sein. Kaum war ich aber im Flur, da trat hinter mir ein Mann in einem grauen Lodenmantel ein… Er verlangte meine Papiere … und zeigte mir seine Polizeimarke. …Mein einziger Gedanke war, wie ich herauskommen könnte…. In diesem Augenblick betrat ein junges Mädchen das Haus und seine Aufmerksamkeit richtete sich auf das Mädchen. Ich zielte genau auf die Kinnspitze und der Mann schlug mit dem Kopf an die Wand. Mit einigen Sätzen war ich aus dem Hause, wandte mich aber neben der Haustür sofort um und zog meine Pistole. In dem Augenblick, als der Kerl aus der Tür stürzte, schoss ich – und fehlte. Der Polizist taumelte erschreckt zurück, aber mein zweiter Schuss löste sich nicht….
Nun lief ich um mein Leben. Ich hörte hinter mir schießen, aber ich wäre ihnen zweifellos entkommen, wenn sich mir nicht auf der Luxemburger Straße ein junger Soldat in den Weg gestellt hätte. Ich geriet mit ihm so lange in ein Handgemenge bis mich die Verfolger erreichten und überwältigten.“ Heinz Humbach: „Dann sind wir abtransportiert worden, mein Vater und ich als erste. Wir wurden aneinandergefesselt ins Polizeirevier Remigiusstraße gebracht. Mein Vater hat versucht, mir heimlich zuzuflüstern, dass ich keine Aussagen machen darf. Draußen war mittlerweile  ein Auto vorgefahren, so eine Art Lieferwagen, in dem waren die übrigen Genossen schon drin… Dann wurden wir rausgefahren nach Brauweiler,  wo die Gestapo im Zellenbau ein Sonderkommando untergebracht hatte.“

Haftanstalt Brauweiler

Haftanstalt Brauweiler


Ferdi Humbach erinnert sich an Brauweiler:
„Ich wurde in eine Zelle gebracht. Es war dunkel, ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen. Aber ich kannte Brauweiler noch aus meiner Schutzhaftzeit und so fand ich schnell das Bett und legte mich hin. Ich war allein. Viele Gedanken gingen mir durch den Kopf. Habe ich alles richtig gemacht? Habe ich keinen Namen genannt? Zwischendurch hörte ich die Schreie der Genossen, die von der SS verprügelt wurden. Der andere Tag, Samstag, der 25. November, ist der schlimmste Tag für mich. Immer noch kein klares Bild der Dinge… Ich will mir das Leben nehmen, aber als ich die Pulsadern aufschneiden will, klappt es nicht.“ Heinz Humbach: „Dort gab es dann am laufenden Band Vernehmungen. Wir standen draußen auf dem Flur mit dem Gesicht zur Wand, Hände auf dem Rücken gefesselt und einer nach dem anderen wurde vernommen…. Eingedenk der Ermahnungen meines Vaters habe ich mich dumm gestellt. Das führte aber nur dazu, dass die Misshandlungen einsetzten. Ich wurde über einen Stuhl gelegt, der Kopf unter der Lehne durchgestreckt und dann schlugen drei dieser Gestapo-Leute mit Schemelbeinen auf mich ein. Ich bin dann bewusstlos geworden. Im Laufe der Nacht bin ich in eine Zelle eingesperrt worden, die ersten drei oder vier Tage noch auf dem Rücken gefesselt. Das waren eigentlich die schwersten Tage, weil man sich natürlich nicht bewegen konnte. Alles war sehr kompliziert: wenn man auf diesen schönen Kübel da musste. Mit auf dem Rücken gefesselten Händen kann man schlecht die Hose auf- und zuknöpfen und Essen war mehr Fressen, wie ein Hund aus der Schüssel. Ich war eigentlich relativ ruhig und gefasst, obwohl die Umstände sehr schwierig waren. Wir haben zum Beispiel die ersten drei Wochen keinen Tropfen Wasser bekommen. Man konnte sich also nicht waschen, war furchtbar verdreckt, Infektionen, Geschwüre am ganzen Körper.“

Jakob Zorn: „Der feste Bau in Brauweiler hatte nichts mehr mit den Gefängnissen gemein, die ich aus meinen früheren Jahren kannte. Hier herrschte die Gestapo uneingeschränkt. In den eiskalten Zellen gab es als Inventar eine Pritsche mit einem Strohsack und einem Tisch sonst nichts. Nie habe ich in den Monaten in Brauweiler auch nur ein winziges Stückchen Seife bekommen, keine Wäsche, nichts. In der ersten Zeit wurden wir fast alle täglich misshandelt, einige von uns wurden bei den Vernehmungen ganz einfach totgeschlagen wie Engelbert, Otto Richter und Willi Tollmann.“ Dies bestätigt auch die Aussage von Friedhofswärter G. Busch am 27. 11 1945 gegenüber Captain Ortlick, Chef der French War Crimes Mission: „Am 8. 12. 1944 habe ich Willi Tollmann (37 Jahre alt) aus der Leichenhalle  (der Anstalt) abgeholt. Er hatte Verletzungen am Handgelenk und am Hals einen roten Streifen. Engelbert Brinker habe ich am 16.12.44 abholen müssen. Nach dem Befund der Leiche muss er schrecklich gefoltert worden sein. Die ersten Glieder an sämtlichen Fingern und Zehen waren schwarz und blau… Ich habe daraus entnommen, dass ihm die Glieder durch Folterungen zerquetscht worden sind… Ich konnte sehen, dass ihm die Geschlechtsteile abgerissen worden waren. Da mir die Sache so ungeheuerlich vorkam und ich annahm, man werde mir später nicht glauben, habe ich mir den Peter F. aus Dansweiler als Zeugen herbeigeholt. Am 27.12. 1944 habe ich Otto Richter (46 Jahre alt) beerdigt. Er war ebenfalls am ganzen Körper von Schlägen schwarz und blau.“
Am 10. Februar 1945 wurde Brauweiler wegen der nahenden alliierten Truppen geräumt. Die Häftlinge des Nationalkomitees sollten vor ein in Königswinter tagendes Sondergericht gestellt werden. Dazu kam es jedoch nicht mehr. Gauleiter Grohé fragte am 21. März bei Reichsleiter Bormann an, wie mit den Häftlingen verfahren werden sollte. Ein von Bormann unterzeichneter „Führerbefehl“ ordnete an „alle inhaftierten politischen Gegner und solche, deren man noch habhaft werden konnte“, zu beseitigen, d.h. zu erschießen. Zur Ausführung kam dieser Befehl nicht mehr. Die Häftlinge wurden in zwei Evakuierungstrecks nach Wipperfürth sowie in das hessische Rockenberg in Bewegung gesetzt. Der Evakuierungsmarsch nach Wipperfürth war von erschreckender Brutalität gekennzeichnet. Die Männer und Frauen mussten gefesselt marschieren. Kranke, die den Strapazen nicht mehr gewachsen waren,  wurden sterbend auf Wagen nach Wipperfürth transportiert, ebenso Tote, die am Wegesrand liegen geblieben waren. In den letzten Märzwochen wurden die Gefangenen zu Fuß nach Hunswinkel geführt, wo sie dicht gedrängt in völlig verwanzten und verlausten Barackenräumen hausten. Viele verhungerten. Erst am 11. April kam mit dem Einmarsch der Amerikaner die Befreiung. Der andere Teil der Verhafteten erlebte seine Befreiung durch die Amerikaner im dem Zuchthaus Rockenberg.

Heinz Humbach: „Eines Nachts ratterten die Panzer durch das Dorf… am anderen Morgen stellte es sich heraus, dass es amerikanische waren. Die Zellentüren wurden aufgeschlossen, wir haben uns die Entlassungspapiere ausstellen lassen und haben dann versucht, zu Fuß nach Köln zu marschieren. Wir sind aber nicht weit gekommen, da der überwiegende Teil der Leute krank war, Flecktyphus hatte, lungenkrank war. Abends sind wir von der Militärpolizei aufgegriffen worden. Der überwiegende Teil ist in stationäre Behandlung gekommen.“ Am 18. Juni 1945 brachte ein LKW der Militärregierung die Überlebenden zurück nach Köln.

Malle Bensch-Humbach
Der Text war Teil einer Textcollage, vorgetragen auf der Gedenkveranstaltung für die Opfer des Nationalsozialismus am 27. Januar 2013

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