Rede Trinogga 08.Mai 2026

15. Mai 2026

Liebe Antifaschistinnen und Antifaschisten,

wieder einmal stehen wir hier in der Grünanlage am Hansaring und gedenken der Befreiung Europas von Faschismus und Krieg, die heute vor 81 Jahren formell militärisch abgeschlossen wurde. Wie seit vielen Jahren stehen wir hier, hören den Reden, der Musik, den Gedichten zu. Ja, wir sind in den letzten Jahren mehr geworden, Jüngere sind zu uns gestoßen und doch kennen die meisten, die heute hier stehen, sich schon vom letzten Jahr oder aus den Jahren zuvor. Ist unser Gedenken zum leeren Ritual erstarrt, möglicherweise sogar überflüssig geworden? Warum erinnern wir Jahr für Jahr immer wieder an weit zurückliegende Ereignisse, die nur eine kleine Minderheit von uns noch selbst erlebt hat?

Ich glaube, diese Fragen sind berechtigt und wir sollten sie uns immer wieder stellen, um nicht in eine politische Erstarrung zu geraten. Wir sollten sie aber nicht nur stellen, wir müssen sie auch beantworten, uns bewusst machen, warum wir Jahr für Jahr versuchen, den Feierabendverkehr auf dem Ring zu übertönen.

Wir stehen hier, weil wir der Meinung sind, dass der Jahrestag der Befreiung nicht nur und nicht einmal in erster Linie ein Gedenk- sondern ein Aktionstag ist. Wenn es stimmt, was der große französische Friedenskämpfer und Sozialist Jean Jaurés gesagt hat, dass Tradition nicht bedeutet, die Asche aufzubewahren, sondern die Glut zu erhalten,  dann stehen wir hier, um Lehren für unser Handeln aus dem Faschismus und seiner Zerschlagung zu ziehen, damit es nie wieder einen Weg zu ihm zurück gibt. Wir stehen hier, weil die Forderung der alten Antifaschistinnen und Antifaschisten, „Nie wieder Faschismus! Nie wieder Krieg!“, nach wie vor aktuell und leider vor allem leider nach wie vor nicht verwirklicht ist. Genauso wenig verwirklicht, wie die Forderungen des Potsdamer Abkommens der alliierten Befreier nach Entnazifizierung, Entmilitarisierung, Demokratisierung und Dezentralisierung.

Nein, der Faschismus steht aktuell nicht vor der Tür, auch von einer zunehmenden Faschisierung möchte ich nicht reden, weil ich das für eine ungewollte Verharmlosung des Faschismus, der System gewordenen Entmenschlichung und Barbarei halte. Und doch haben wir viele überaus beunruhigende Erscheinungen zur Kenntnis zu nehmen:

  • den Aufstieg der AfD bei allen Wahlen der vergangenen Jahren, gegen den noch kein Mittel gefunden wurde,
  • die zunehmende Einteilung von Menschen in nützliche und nutzlose Existenzen,
  • Versuche, auch aus der Bundesregierung, das geistige Leben deutlich nach Rechts rechts zu verschieben, um eine rechte intellektuelle Hegemonie zu erreichen,
  • die Bündelung kaum noch vorstellbarer Vermögen in den Händen demokratieverachtender Unternehmer,
  • den immer schneller werdenden fortschreitenden Abbau demokratischer Rechte und Freiheiten und ihre Ersetzung durch eine angestrebte Überwachung unserer elektronischen Kommunikation und
  • einen Russenhass, der geradezu hysterische Züge annimmt.

Das sind nur wenige Beispiele, aber sie sollten zu denken geben.

Bevor ich aber weiter über Antifaschismus heute rede, möchte ich einiges zur Geschichte des Ortes sagen, an dem wir hier stehen. Wir befinden uns nicht nur an einem Gedenkort, verkörpert durch den ältesten Gedenkstein für die Opfer des Faschismus in Köln, wir befinden uns unmittelbar an der Grabstätte von 7 Opfern des Faschismus. Um wen es sich genau handelt, ist unbekannt; wir wissen nur, dass es sechs Männer und eine Frau waren, die am 25. Mai 1945 hier ihre letzte Ruhestätte fanden.

Hinter mir, ihren Ihren Blicken entzogen durch die Reste der mittelalterlichen Stadtmauer, befand sich bis in die sechziger Jahre ein riesiges Gefängnis, in Köln allgemein Klingelpütz genannt. Ab 1933 saßen darin auch eine große Zahl von Menschen, die sich dem Faschismus nicht unterwerfen wollten, vor allem Menschen aus der kommunistischen und sozialdemokratischen Arbeiterbewegung. Der Klingelpütz wurde damit zu einem zentralen Ort faschistischer Unterdrückung. Seit dem Überfall auf die westlichen Nachbarstaaten Deutschlands waren dort auch Häftlinge aus Frankreich, Belgien. Luxemburg und den Niederlanden eingekerkert. Die GeStaPo, der die Zellen im Keller des EL-DE-Hauses nicht ausreichten, bezog einen eigenen Flügel, in dem sie „Polizeihäftlinge“, also Menschen, die nicht verurteilt worden waren, gefangen hielten und quälten. Es handelte sich außerdem um die zentrale Hinrichtungsstätte der Oberlandesgerichte Köln, Düsseldorf und Hamm, eine Todesfabrik also. Die Zahl derer, die dort ihr Leben lassen mussten, ist nicht mehr zu ermitteln – es dürfte sich um viele hundert, vielleicht sogar mehr als tausend Menschen gehandelt haben.

Als die US-amerikanischen Truppen Köln immer näher rückten, wurde das Gefängnis geräumt – bis auf den Flügel mit den GeStaPo-Gefangenen. Unter ihnen brach in Folge der katastrophalen hygienischen Bedingungen und der Hungerrationen im Spätwinter 1945 eine Typhusepidemie aus, der viele zum Opfer fielen – auch sie Opfer des Faschismus. Nach der Befreiung des linksrheinischen Kölns am 6. März 1945 wurden die Befreier von Häftlingen davon unterrichtet, dass auf dem Gefängnisgelände Tote, die nach dem 22. Februar nicht mehr auf dem Westfriedhof beigesetzt wurden, verscharrt worden waren. Die ranghöchsten Nazis, die zu dieser Zeit dort inhaftiert waren, wurden am 25. Mai 1945 herangezogen, um die Toten zu exhumieren. Sie fanden die Leichen von 7 Menschen, die dann außerhalb der Gefängnismauern, an der Stelle, an der wir jetzt stehen, eine würdige Ruhestätte fanden. Nur wenig später, am 3. Juni 1945 wurde der Gedenkstein gesetzt, der sich noch heute an diesem Platz befindet. Übrigens eines der wenigen Denkmäler in Köln, die nicht verschleiernd von „Opfern des Krieges und der Gewaltherrschaft“ berichten, sondern Ross und Reiter nennen.

Bis in die sechziger Jahre befand sich hier der Gedenkort an die Naziopfer in Köln. Hierhin führten die Demonstrationen der VVN anlässlich des Volkstrauertages, hier gedachten Delegationen ehemaliger Widerstandskämpferinnen und Widerstandskämpfer aus den westlichen Nachbarländern ihrer ermordeten Kameradinnen und Kameraden. Doch nach und nach geriet dieser Ort aus dem Gedächtnis. Erst als die VVN-BdA sich dafür entschied, den Jahrestag der Befreiung wieder gut sichtbar in der Innenstadt zu begehen, geriet er wieder in den Blick. Derzeit laufen auf Anregung des Sohnes eines Naziverfolgten Gespräche darüber, ihn wieder würdig zu gestalten und vor allem deutlich erkennbar zu machen.

Liebe Anwesende,

wir gedenken des Jahrestages der Befreiung, aber wer wurde befreit und wer fühlte sich befreit? Für diejenigen, die aus politischen, rassistischen oder vielen anderen Gründen verfolgt wurden, ist das klar – für sie öffneten sich die Zuchthaus- und Lagertore, sie waren wieder frei. Auch die wenigen jüdischen Überlebenden konnten aufatmen, auch für sie war die Gefahr für Leib und Leben vorbei. Aber was war mit den „normalen Deutschen“, denen die mitgemacht oder vielleicht auch nur geschwiegen hatten. Fühlten sie sich befreit?

Wir dürfen es bezweifeln. Einen Punkt aber gab es, an dem war die Befreiung für alle greifbar und das war die Befreiung von der Geißel des Krieges. Die Bombenangriffe, die die Innenstadt weitestgehend in ein Trümmerfeld verwandelt hatten, waren vorbei, die Menschen, die die Stadt zu hunderttausenden verlassen hatten, konnten wieder zurückkehren und damit beginnen, zumindest die materiellen Trümmer zu beseitigen. Das Ende des Krieges war eine Befreiung für alle,

Doch wir können nicht vom Ende des Krieges sprechen, ohne seinen Anfang mitzudenken. Dieser Anfang begann weit vor dem 1. September 1939, sogar vor dem 30. Januar 1933. Bereits am 4. Januar 1933 hatte Hitler bei seinem bekannten Treffen mit Franz von Papen in der Villa Schröder hier am Kölner Stadtwaldgürtel, den „Männern der Wirtschaft“ zugesagt, die Stärke der Reichswehr zu verdreifachen – von 100 000 auf 300 000 Mann. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde am 16. März 1935 die allgemeine Wehrpflicht eingeführt, ein Jahr später, am 7. März 1936, besetzten Truppen der Wehrmacht das bis dahin entmilitarisierte Rheinland, ab dem Sommer 1936 erprobte die Wehrmachtsgeneralität ihre neuen Waffen, insbesondere die Luftwaffe, an Zivilistinnen und Zivilisten in Spanien. Vor Köln und Dresden kamen wurden Coventry und Rotterdam und vor denen wurde Guernica von deutschen Flugzeugen zerstört. Die Geschichte des Nazifaschismus war von Anfang an eine Geschichte der Kriegsvorbereitung und des krieges Krieges – und zwar in seiner barbarischsten und völkermörderischsten Form. Die Kommunistinnen und Kommunisten hatten bereits 1932 gewarnt: „Wer Hitler wählt, wählt den Krieg!“. Zu wenige Menschen hörtendarauf auf sie.

Zum Schluss möchte ich noch einmal auf den Beginn meines Beitrages zurückkommen: Wir erinnern an den Faschismus und seine mörderischen Folgen nicht eines leeren Rituals willen. Wir wollen aus der Geschichte lernen und dafür kämpfen, dass sie sich nicht wiederholt. Sie ist für uns Auftrag zu handeln: Gegen die angebliche Ungleichwertigkeit der Menschen, gegen Rechts in allen seinen Erscheinungsformen und gegen den Krieg. Alle drei Aspekte sind heute wieder brandaktuell. Am drohendsten aber scheint mir die derzeitige Kriegsgefahr zu sein. Laut offiziellen Aussagen der Regierungspolitikerinnen und -politiker soll Deutschland wieder zur stärksten Militärmacht in Europa werden. Das hatten wir doch schon einmal. Nein, wir hatten es bereits zweimal – und zweimal waren Millionen Toter das Ergebnis. Unsere Verpflichtung als Antifaschistinnen und Antifaschisten, als Humanistinnen und Humanisten, ist es, den Kriegsplänen und der Kriegsvorbereitung den Weg zu verlegenverlegen. Das ist übrigens auch das beste Mittel gegen Rechts, denn Faschismus und Krieg gehören zusammen wie Feuer und Rauch. Der Opfer des Faschismus zu gedenken, bedeutet heute und immer, aktiv gegen Krieg und aktiv gegen Rechts einzutreten.