15.11.: Mahnwache in Bergisch-Gladbach

4. Januar 2026

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Seit 35 Jahren findet, nur unterbrochen in der Zeit der Versammlungsverbote während der Corona-Pandemie, jedes Jahr um den Jahrestag der Reichspogromnacht eine antifaschistische Mahnwache in Bergisch-Gladbach statt. Der Ort dieser Kundgebung ist nicht zufällig gewählt: In unmittelbarer Nähe befanden sich bis vor wenigen Jahren die Gebäude der Stella-Werke, die der SA 1933 als „wildes KZ“ dienten. Dort wurden unmittelbar nach der Machtübertragung an die Nazis Antifaschisten aus der Arbeiterbewegung, in erster Linie Kommunisten, gefangen gehalten und gequält.

Initiiert wurde die Kundgebung vor der evangelischen Kirche von unserer Kameradin Walborg Schröder, die aus gesundheitlichen Gründen dieses Jahr erstmals nicht persönlich teilnehmen konnte und deren sehr persönlicher Beitrag von ihrer Tochter verlesen wurde. Neben der VVN-BdA, für die in diesem Jahr Elvira Högemann redete, sprachen u.a. Marcel Kreutz, neu gewählter Bürgermeister von Bergisch-Gladbach, der Vorsitzende des Integrationsrates und ein Vertreter des DGB. Nicht zu vergessen und der Erwähnung wert: Die Aktion lebt auch und nicht zuletzt, vom Musikprogramm, das Friedrich Kullmann und Geo Schaller auf ihren Saxophonen bestritten.

Wir dokumentieren an dieser Stelle Auszüge aus Elviras Beitrag:

Der Ort dieses Gedenkens spricht schon für sich: das ehemalige   Werksgelände der Stella-Werke, dessen Direktor  bereits vor 1933 in der  NSDAP war und einen Teil des Areals seinen Parteifreunden überließ.  Die sperrten hier kurz nach der Machtübergabe die Bergisch-Gladbacher. Kommunisten ein und misshandelten sie mit größter Brutalität. Es war kein Einzelfall, das geschah im ganzen „Reich“, planmäßig. Die Kommunisten waren nur die Ersten – alle politischen Gegner wurden nacheinander ausgeschaltet…

Gleichzeitig lief die systematische Diskriminierung und Ausgrenzung der jüdischen Bevölkerung, mit voller Absicht ganz öffentlich und nicht erst ab 1933. Die rassistische Brandmarkung „des“ Juden schlechthin war der Propagandaschlager der NSDAP, Kernstück ihrer sozialen Demagogie…, der wohlfeile Sündenbock für alles.

Ausgrenzung, Ausschaltung aus dem öffentlichen Leben, schließlich Deportation und Vernichtung – die stufenweise Eskalation traf nicht  allein halbe Million jüdischer Deutscher, sondern alles, was ins Land  der Nazis nicht reinpasste…  Umgebracht als „Unnütze Esser“, der Bankrott aller Menschlichkeit.

Warum erinnern an all diese Scheußlichkeiten?

Weil alle Alarmglocken läuten müssen,  weil WIR alle alarmiert sein müssen, wenn politische Parteien, Einzelpersonen, Medien anfangen, auf der Welle von Ausgrenzung und Diskriminierung zu reiten, die Lösung sozialer und ökonomischer Probleme nach der Sündenbock-Methode zu behandeln – dem kann man nur FRÜH GENUG ein geballtes „Nie wieder“ entgegensetzen. 

Soweit die Anfänge. Zu sprechen ist auch vom Ende: Krieg, Terror, der  in alle Länder Europas getragen wurde… Auch in Bergisch-GLadbach erscheint mit dem Krieg eine neue Gruppe von Opfern: Zwangsarbeiter, rekrutiert in allen besetzten Ländern – wiederum vor allem im Osten ….

Die Stadt Bergisch-Gladbach hat 2001 am Rathaus eine Gedenktafel für die eigenen Zwangsarbeiter angebracht. Das ist gut. Nicht so gut: in Köln steht das Zwangsarbeiterprogramm für die Überlebenden in unserer Partnerstadt Wolgograd auf der Liste der Streichungen. Die Städtepartnerschaft liegt auf Eis. Es passt nicht mehr in die Landschaft. Denn wir reden heute vom Krieg, nicht mehr von Versöhnung und Wiedergutmachung und schon gar nicht von Partnerschaft. Bundesminister kündigen  für 2030 den unweigerlich bevorstehenden Krieg mit Russland an Die Medien verbreiten  diese Ansage in fast jeder Nachrichtensendung. Es stimmt, Russland hat einen Angriffskrieg in der Ukraine begonnen. Die Friedensbewegung, in der ich seit Jahren aktiv bin, verurteilt diesen Krieg wie alle anderen Angriffskriege der letzten zweieinhalb  Jahrzehnte. Wir  haben in jedem einzelnen Fall uns dafür engagiert, dass die Truppen abziehen und eine friedliche Lösung für das überfallene Land gefunden wird.

Jedoch stattdessen wird uns wieder und immer wieder erzählt, dass unser Krieg mit Russland kommt und kommen muss, dass er sozusagen  ALTERNATIVLOS ist.

Den Reden folgen die Taten: ein rasant steigender Rüstungshaushalt, Kürzungen im Sozialen …Wir wissen alle, wo das Geld fehlt, die Liste wäre lang. Aufrüstung und Sozialabbau alternativlos? Das ist eine Sache nur, wenn man die Alternative von vornherein ausblendet. Diplomatie, Verträge – das ist billiger und auf die Dauer vor allem sicherer.

Wir leben  in einer Welt, die sich gerade von Grund auf verändert, Die Machtverhältnisse zwischen den Weltmächten schwanken und erzeugen Unsicherheit,. Krieg ist in diesem Wandlungsprozess eine gefährliche Option. Es käme darauf an, die Welt sicherer zu machen, damit sie die globalen Probleme global, am besten partnerschaftlich lösen kann. Entschiedene Priorität für Verhandlungen, stabile Abkommen, zurück zur Abrüstung statt neuem Rüstungswahn, das wäre ein vernünftiger erster Schritt in  Richtung auf eine Welt ohne Rassismus, in der Gerechtigkeit und menschliche Umstände herrschen. Das jedenfalls ist die Lehre  aus dem Kampf gegen den Hitlerfaschismus, aufgenommen in die Charta der Vereinten Nationen mit ihrem Gewaltverbot, zusammengefasst in dem Satz der befreiten Buchenwald-Häftlinge:

„Nie wieder Krieg, nie wieder Faschismus“.

Das bleibt eine aktuelle Aufgabe.