Faschismus und Widerstand in Italien – Beitrag der ANPI bei unserem Sommerfest
4. September 2026
Was ist ANPI? ANPI ist ein Akronym, steht für Associazione Nazionale Partigiani e Partigiane d’Italia – auf Deutsch: Nationale Vereinigung der Partisan*innen Italiens – und wurde 1944 in Rom gegründet. Ursprünglich waren die Mitglieder ausschließlich Partisaninnen und Partisanen, also diejenigen Menschen, die aktiv im Widerstand gegen den Faschismus und die deutsche Besatzung gekämpft hatten. Seit 2006 dürfen alle Mitglieder werden, die die Werte der Freiheit, der Demokratie und des Antifaschismus teilen.

Um zu erklären, wer die Partisan*innen waren, müssen wir einen Schritt zurück machen und ein wenig über die Geschichte Italiens der letzten hundert Jahren reden. Wir sind keine Historiker*innen und möchten auch nicht in die Tiefe gehen aber ein wenig Kontext anbieten, um die Geschichte unserer Vereinigung verständlicher zu machen.
Es ist allgemein bekannt, dass das faschistische Regime ein totalitäres war, und dass die Gewalt ein anerkanntes Mittel war, um jegliche Form von Opposition zu unterdrücken. Beispielhaft dafür ist die Ermordung des sozialistischen Abgeordnetes Giacomo Matteotti am 10. Juni 1924. Matteotti hatte 10 Tage davor eine Rede im italienischen Parlament gehalten, in der er die Gewalttaten der Faschisten, die massive Einschüchterung der Bevölkerung und die Wahlfälschungen bei den Parlamentswahlen im April des gleichen Jahrs vehement angeprangert hatte. Er wurde entführt, gefoltert, seine Leiche wurde erst zwei Monate später gefunden. Diese Tat löste große Empörung bei der Bevölkerung und das Regime geriet ins Schwanken. Mussolini schaffte es jedoch, das Blatt zu wenden, indem er in einer Rede vor der Abgeordnetenkammer die „politische und moralische Verantwortung“ für die Tat übernahm. Nun war es jedem klar, was es bedeutete, sich gegen das Regime zu stellen.
Spätestens ab diesem Moment fing der Widerstand sich im Hintergrund zu organisieren. Geheime Netzwerke entstanden im In- und Ausland. 1929 gründete Carlo Rosselli die antifaschistische Organisation „Giustizia e Libertà“. Ein Jahr später wurde in Frankreich eine Vereinigung namens „Concentrazione Antifascista“ gegründet, die Mitglieder der PSI, PSU (Einheitliche Sozialistische Partei) und der PRI zusammenbrachte. Schätzungen zu folge lebten über 25.000 Antifaschisten im Exil, von denen 15.000 weiterhin politisch aktiv waren.
Auch im Inland entwickelten antifaschistische Kräfte Strategien, um trotz der Geheimpolizei das Regime zu schwächen. Zu Beginn des akademischen Jahrs 1932-1933 mussten zum Beispiel alle 1225 italienischen Universitätsprofessoren einen Treueid auf das Regime schwören, um Ihren Lehrstuhl, das Recht auf ihre Pension und die Möglichkeit, weiter einer akademischen Karriere nachzugehen, zu behalten. Nur 12 von Ihnen weigerten sich, alle anderen unterzeichneten. Wir wissen aber, dass der Philosoph Benedetto Croce und der kommunistische Führer Palmiro Togliatti einige antifaschistischen Professoren ausdrücklich ermutigten, den Eid abzulegen, um im System zu bleiben und ihren Kampf weiterzuführen.

Die 1930er Jahren waren der Höhepunkt der faschistischen Macht in Italien. Mit der Äthiopienkampagne machte sich imperialistisches und nationalistisches Gedankengut in weiten Schichten der Bevölkerung breit. 1938 wurden dann die „Rassengesetze“ gebilligt. Rassismus und Antisemitismus verbreiteten sich.
Am 10. Juni 1940 erklärte Mussolini Frankreich und Großbritannien den Krieg vor einer jubelnden Menschenmenge. Die Begeisterung der Bevölkerung fing aber bald an zu bröckeln. Die italienische Armee war bei weitem nicht so gut vorbereitet und ausgerüstet wie die deutsche. Obwohl die faschistische Propaganda versuchte, dies zu vertuschen, ließen die Nachrichten der Niederlagen an allen Fronten nicht lange auf sich warten. Obwohl Streiks bereits seit 1926 verboten waren, kam es 1942 in Carbonia auf Sardinien zu ersten Arbeiterprotesten. Organisiert von Untergrundzellen der Kommunistischen Partei protestierten die Arbeiter der Kohlebergwerke gegen die hohen Lebenshaltungskosten und die miserablen Arbeitsbedingungen. Kurz darauf fand in Mailand eine Demonstration von etwa 200 bis 400 Frauen statt, die gegen die Nahrungsmittelknappheit und die galoppierende Inflation protestierten. Anfang 1943 begannen in Mailand die ersten Streiks in den Fabriken, die sich im gesamten sogenannten Industriedreieck – Mailand, Turin und Genua – ausbreiteten. Diese Streiks wurden von im Untergrund arbeitende Zellen des PCI, des PSI und der erst vor kurzen ebenso im Untergrund entstanden Mitte-Links-Partei „Partito d’Azione“ organisiert. Zirka 100.000 Arbeiter beteiligten sich bis 15. März 1943 daran. Mussolini erkannte, dass er die Unterstützung der Italiener verlor und entgegen den Wünschen Hitlers, der ein Blutbad forderte, beschränkte er sich darauf, die Anführer des Aufstands vor Gericht zu stellen.
In diesen Tagen trafen sich in Lyon einige im Exil lebenden Anführer der italienischen antifaschistischen Parteien. Dieses erste Treffen legte den Grundstein für das spätere Comitato di Liberazione Nazionale – Nationale Befreiungskomitee -, das nach dem Waffenstillstand gegründet werden sollte. Im Juli 1943 begann die Operation Husky, die mit der Landung der anglo-amerikanischen Streitkräfte in Sizilien endete. Nach nur 38 Tagen Kampf und dem Rückzug der italienisch-deutschen Truppen eroberten die Alliierten die gesamte Insel und ebneten damit den Weg für die Invasion des restlichen Italiens. Der rasche Erfolg der Operation löste eine innenpolitische Krise aus. Am 25. Juli 1943 wurde Benito Mussolini während einer Sitzung des Großen Rates des Faschismus abgesetzt und verhaftet, woraufhin General Pietro Badoglio die Regierung übernahm. Er nahm heimlich Verhandlungen mit den Alliierten auf, die zur Unterzeichnung des Waffenstillstands von Cassibile führten, der am 8. September 1943 bekannt gegeben wurde. Die italienische Staatsführung und der König flohen nach Brindisi und ließen die Armee ohne Befehle zurück. Die Deutschen besetzten die Halbinsel und wurden so zu Feinden, während die Alliierten nordwärts rückten. In diesem Zusammenhang brach ein blutiger Bürgerkrieg aus. Am 12. September 1943 befreite ein deutsches Kommando Mussolini aus seiner Gefangenschaft und brachte ihn zu Hitler nach Berlin. Drei Tage später verkündete der Rundfunk, dass: „Benito Mussolini heute wieder die oberste Führung des Faschismus in Italien übernommen hat“, während allen Parteiorganisationen der Befehl erteilt wurde, die deutsche Armee aktiv zu unterstützen. Kurz darauf kündigte Mussolini in einer Rundfunkansprache aus München seine Absicht an, im von den Deutschen besetzten Teil Italiens eine faschistische Republik zu gründen. Die Repubblica Sociale Italiana mit der Hauptstadt Salò am Gardasee wurde am 23. September 1943 offiziell gegründet.
Die Verkündung des Waffenstillstands von Cassibile stürzte Italien ins Chaos. Der Staat brach zusammen. Die antifaschistischen politischen Kräfte (Kommunisten, Sozialisten, Christdemokraten, Aktionisten, Liberale, u.v.m.) gründeten bereits am 9. September 1943 das Nationale Befreiungskomitee (CLN), das in den folgenden 20 Monaten die politische und militärische Führung des Befreiungskampfes übernahm.
Es würde zu weit führen, alle Formen und Ausprägungen des Widerstands im Detail zu schildern. Es ist jedoch unerlässlich, einige Beispiele anzuführen. So müssen wir kurz auf die „Vier Tage von Neapel“ (27.–30. September 1943) eingehen, die zu den symbolträchtigsten Ereignissen des italienischen Widerstands zählen. Am 27. September 1943 erhob sich Neapel, das unter Nahrungsmittelknappheit und den Bombardements der Alliierten litt, gegen die deutschen Besatzungstruppen. Es handelte sich um eine spontane, nicht zentral organisierte Mobilisierung, die ihren Ursprung in den Protesten einfacher Menschen aus allen sozialen Schichten hatte. Beteiligt waren Männer und Frauen, Studenten und Soldaten. Es wurden spontane Aktionen des Stadtguerillakampfes organisiert, die in einen Angriff auf die deutschen Waffenlager mündeten. Am 30. September, nach vier Tagen erbitterter Kämpfe, erkannten die deutschen Besatzungskräfte, dass sie die Kontrolle über die Stadt verloren hatten, und verließen sie noch vor dem Eintreffen der alliierten Streitkräfte.
Die bekannteste Form des Widerstands sind aber wahrscheinlich die Partisanengruppen.
Unmittelbar nach dem Waffenstillstand tauchten viele Soldaten der regulären Streitkräfte unter, um der Gefangennahme durch die Deutschen und den Einberufungsaufrufen der neu gegründeten Italienischen Sozialrepublik zu entgehen, und suchten Zuflucht in den vorstädtischen, meist bergigen Gebieten. Dort schlossen sich diese ehemaligen Soldaten untereinander und mit Teilen der lokalen Bevölkerung zusammen und gründeten die ersten organisierten Gruppen, die sich genau auf die Erfahrungen des gerade beendeten Krieges stützten: Diese Soldaten, die im Umgang mit Waffen geübt waren, gaben dem Partisanenkampf somit Gestalt und Organisation. Im Laufe der Monate schlossen sich ihnen ehemalige politische Gefangene, ehemalige Verbannte, Antifaschisten der ersten Stunde und Kämpfer der antifaschistischen Front an.
Eine sehr wichtige Rolle spielten jedoch auch die Streiks in den Fabriken Norditaliens. Zu bedenken ist, dass die italienische Großindustrie zu jener Zeit vollständig unter der Kontrolle des nationalsozialistischen Deutschlands stand. Die Arbeitsbedingungen waren äußerst prekär und Deportationen kamen sehr häufig vor. Im März 1944 wurde in allen Fabriken in Mailand und Turin eine Woche lang die Arbeit niedergelegt. Es handelte sich dabei um den ersten und einzigen…Generalstreik im von den Nationalsozialisten und Faschisten besetzten Europa. Der Kampf der Arbeiter ging Hand in Hand mit dem Kampf der Partisanen und bildete damit eines der Hauptmerkmale des italienischen Widerstands im europäischen Kontext. Die Forderungen der Arbeiter lauteten: Einfrieren der Lebensmittelpreise, Erhöhung der Löhne und Lebensmittelrationen, Auszahlung bereits zugesagter Prämien. Sie forderten aber auch die Einstellung der Deportationen von Arbeitskräften und der Verlegung von Maschinen und Anlagen nach Deutschland. Mit diesen Forderungen sollte die Kriegsproduktion ausgesetzt oder auf ein Minimum reduziert werden.
Die konkreten Ergebnisse des Streiks waren gering und die Repression fiel äußerst hart aus. Es kam zu Verhaftungen und Deportationen nach Deutschland, viele Arbeiter kehrten nicht mehr zurück. Die Bedeutung des Streiks…Ebene ist jedoch beträchtlich, da er die Stärke der antifaschistischen Widerstandsbewegung in den Fabriken deutlich gemacht hatte. Die Arbeiterklasse erwies sich somit als unverzichtbarer sozialer Akteur für die Fortsetzung des Befreiungskampfes.
Schließlich dürfen wir die Rolle der Frauen nicht vergessen. Sie gelten als die einzigen echten „Freiwilligen im Widerstand“, da sie nicht den Einberufungsbefehlen unterlagen und im Allgemeinen nicht zur Flucht und zum Untertauchen gezwungen waren. Sie engagierten sich jedoch in allen Bereichen des Befreiungskampfes mit all seinen Ausprägungen: im bewaffneten Kampf, in der Informationsarbeit, in der Versorgung und Verbindungsarbeit, in der Presse- und Propagandaarbeit, beim Transport von Waffen und Munition, in der Gesundheits- und Krankenhausorganisation, in Frauenverteidigungsgruppen und bei der Unterstützung der Freiheitskämpfer.




