Zur Erinnerung an die militärische Besetzung des Rheinlands vor 100 Jahren
10. Mai 2026
Vulkane brechen aus, auch Epidemien, keinesfalls aber Kriege. Die sind gewollt, werden geplant und vorbereitet, es sollen durch sie Interessen durchgesetzt werden (meist wirtschaftliche).Eine solche Vorbereitung des Zweiten Weltkriegs war die militärische Besetzung des Rheinlands, darunter des linksrheinischen Kölns, durch die Wehrmacht vor 90 Jahren, am 7. März 1936, genauso übrigens, wie die Einführung der allgemeinen Wehrpflicht ein Jahr zuvor. Der Einmarsch der Truppen, übrigens unter dem Jubel des größten Teils der Bevölkerung, geschah unter Bruch des Versailler Friedensvertrags. Von der Nazipropaganda wurde er als „Befreiung des Rheinlands“ verkauft.
Natürlich ist die Bundeswehr nicht gleichzusetzen mit der Wehrmacht, die Aufrüstungspläne der Bundesregierung nicht mit denen des Hitlerregimes. Aber erneut wird der Krieg vorbereitet, wird über die (Wieder-)Einführung der Wehrpflicht zumindest als realistische Möglichkeit diskutiert und sie möglicherweise auch bereits vorbereitet und wieder lügen die Propagandist(inn)en, dass sich die Balken biegen. Nur heißt es heute nicht mehr „Befreiung“ sondern „Verteidigung“. Der Feind ist allerdings der gleiche geblieben – Russland.

Zur Erinnerung an die 90 Jahre zurückliegenden Ereignisse veröffentlichen wir an dieser Stelle einen kurzen Auszug aus dem Roman „Nettesheim oder Die Schwierigkeit, ein Held zu werden“ des 1928 in Köln geborenen und 1994 in Berlin verstorbenen DDR-Autoren Karl Heinz Berger, erschienen 1986 in Berlin. Für die Titelfigur endet der Einmarsch tödlich, er wird Opfer der Nazis. Für die Verhinderung eines neuen Krieges, der auch für uns wohl tödlich enden würde, müssen wir selber sorgen. (tri)
Nettesheim oder Die Schwierigkeit, ein Held zu werden
Am 7. März, einem Samstag, wurde Hermann Joseph Nettesheim auf offener Straße verhaftet. Er war aus der Drogerie, in der er arbeitete, herausgetreten, oder besser: herausgezogen worden vom Brummen der Motoren und vom Pferdegetrappel. Es war noch früh am Morgen, der Besitzer des Ladens hatte fünf Minuten zuvor erst den Rolladen hochgezogen, und es war kalt an dem Morgen, so daß Nettesheim in dem weißen Kittel fror, den er wie jeden Morgen übergezogen hatte, in dem blütenweißen Kittel, der am Abend zuvor erst von der Leine genommen und geplättet worden war. Nettesheim ging ein paar Schritte die Friesenstraße hinauf, ging gegen den Strom der Soldaten zu Fuß und auf Lastwagen und auf Krädern und auf Fahrrädern. Er querte die St.-Apern-Straße und postierte sich am Römerturm, dem uralten Gemäuerrest, und ließ den Strom an sich vorüber. Es war – wir sagten es bereits, doch sei das Datum noch einmal wiederholt, und das nicht nur, weil´s tödlich wichtig wurde für Nettesheim, sondern für die Nation und für Europa, das sich an dem Tag eine erste böse Verletzung des Völkerrechts durch Hitler gefallen ließ – es war am 7. März des Jahrs sechsunddreißig, als Hitler die Ratifizierung des sowjetisch-französischen Beistandspakts zum Vorwand nahm, das Rheinland nun auch militärisch zu besetzen, und so gleich zwei Abkommen verletzte, den Friedensvertrag und den Locarno-Vertrag. Und niemand hinderte ihn daran.
Nettesheim stand, sprachlos und von Tränen bedrängt, im blütenweißen Drogistenkittel (Apollonia pflegte die Kittel immer ein wenig zu stärken, damit sie den Schmutz nicht so leicht annähmen, weshalb Nettesheims Kittel bei jeder Bewegung raschelten) am Römerturm, sah Soldaten und Autos und dann einen Trupp Berittener die Komödienstraße und die Zeughausstraße herunterziehen. Obschon es – wie gesagt – noch früher Morgen war, sammelten sich schnell Menschen zu beiden Seiten der Straße, die schrien und lachten und winkten, und auch Blumen waren da, erstaunlich viele Blumen für die frühe Jahreszeit, Blumen aus den Treibhäusern. Die Partei ließ sich den Empfang der Soldaten etwas kosten. Auf einer Gulaschkanone hockten zwei Jungen in Hitlerjugenduniform und lachten und schwenkten Papierfähnchen, und keiner vertrieb sie, obwohl es doch verboten war, in geschlossene Kolonnen einzubrechen. Nettesheim würgte an den Tränen und dachte, daß die Preußen nun endgültig gesiegt hätten, jetzt, da sie wieder mit Mann und Roß und Wagen über den Rhein gezogen kamen.
Rechten wir nicht mit ihm darüber, ob erst der 7. März sechsunddreißig der Tag des vollständigen Nazi-Siegs am Rhein war (natürlich war er´s nicht, da doch schon seit drei Jahren auch im Rheinland die Gestapo wütete und die Segnungen des Faschismus den Rheinländern schon seit drei Jahren blühten); bedenken wir, daß er nie so recht begriffen hatte, wer die Nazis waren, noch woher sie kamen, und daß er mechanisch seinen Preußenhass auf die Braunen übertrug. Haß auf die Preußen aber bedeutete für ihn vor allem Haß aufs Militär, und er hatte ein Fünkchen Hoffnung aufs Besserwerden in sich genährt, solange er das linke Rheinufer frei von Soldaten wußte, frei von preußischen Soldaten. Jetzt kamen sie wieder, über dieselben Brücken, über die sie vor mehr als siebzehn Jahren, für immer, wie es damals geschienen hatte, abgezogen waren. Und sie kamen nicht einmal mit klingendem Spiel und Fahnen, wie man in ein erobertes Land einzieht, sie kamen sachlich, grau, diszipliniert, so daß selbst die Sträußchen hinter den Ohren der Pferde widrig wirkten; sie betraten so selbstverständlich das linke Flußufer, wie ein Hausherr seine Wohnung nach längerer Abwesenheit betritt. Und Nettesheim fühlte sich todunglücklich. Jetzt war der Schlußstrich gezogen, jetzt, da die Preußen wieder in der Verkleidung auftraten, in der er sie nur zu gut kannte, solange er denken konnte. Was sollte nun noch werden? Er fühlte den Drang, nach Hause zu gehen, zu Apollonia, die ihm sicherlich einige gute Worte geben würde. Und er konnte doch nicht gehen, mußte stehenbleiben mitten in der stetig wachsenden Menge, in der nun schon der Jubel organisiert war, und mußte in die grauen Männergesichter unter den Stahlhelmen blicken.
Als er halblaut, dann lauter sagte: „Die Schweine sind wieder hier!“, als er es schließlich schrie, und als eine Hand sich auf seinen Mund legte und seinen Kopf nach hinten zog, eine weißbehandschuhte Polizistenhand (zur Feier des Tages war Gala befohlen), als ihn ein rothaariger Bursche sachlich in den Unterleib trat, daß er nach hinten sackte, da wußte er nicht, was er tat noch was ihm geschah. Bis zum Polizeirevier am Kattenbug war es nicht weit, und als er in die Wachstube gestoßen wurde, glaubte er zu träumen.
Karl Heinz Berger, Nettesheim oder Die Schwierigkeit, ein Held zu werden, Union Verlag Berlin (DDR), 1986, S. 458-461




