Auschwitzgedenktag 2026in der Kölner Antoniterkirche: Blick auf die NS-Geschichte der Kölner Universität

28. Februar 2026

Die 1919 wieder gegründete Universität galt als liberal, dennoch waren Rassismus und namentlich  Antisemitismus verbreitet. Der Romanist Victor Klemperer bewarb sich 1926 vergeblich und notierte:

„Es gibt liberale und reaktionäre Universitäten. Die reaktionären nehmen keine Juden; die liberalen haben immer schon zwei Juden und nehmen keinen dritten.“

Eine Kandidatur zum Rektorenamt des evangelisch getauften Juden Gustav Aschaffenburg, ein medizinischer Kriminologe, wird im Sommer 1932 verhindert, als der NS-Studentenbund Protestaktionen androht.

Im März 1933 wird Adenauer als Oberbürgermeister durch den Faschisten Günter Riesen abgelöst. Der neue OB regiert sogleich in die Universität hinein. Er ernennt Peter Winkelnkemper, Schriftleiter des NS-Organs „Westdeutscher Beobachter“„zum Bevollmächtigten der Stadt Köln im Sinne der Gleichschaltung zwischen Universität und nationaler Erhebung“.

Rektor Godehard Ebers rät den Senatskollegen zur Zurückhaltung bei Lehrtätigkeit und politischen Äußerungen, gilt aber selbst schon als ungeeignet, die Universität zu führen. Am 11. April wird mit 75 von 79 Stimmen der Mediziner Ernst Leupold zu seinem Nachfolger gewählt. Diesen prompten Machtwechsel bezeichnet Reichs-Kultusminister Bernhard Rust am Folgetag als leuchtendes Beispiel für erfolgreiche Gleichschaltung.

An der medizinischen Fakultät ist die Lehre von der Rassenhygiene weithin Konsens. Amtlich zuständig wird die Abteilung für Erb- und Rassenpflege. Hier werden die Anträge zur Zwangssterilisation gestellt und schließlich ausgeführt. Es trifft etwa 2.500 Menschen. Die naturwissenschaftlichen Institute der Uni erhalten Aufträge von militärischen Stellen. Damit verbunden ist eine enge Zusammenarbeit mit der Industrie.

Unter den 73 Hochschullehrern, die am 13. April 1933 beurlaubt oder entlassen werden, ist der Sozialwissenschaftler Prof. Benedikt Schmittmann, Gründungsmitglied der Uni und seit 1923 Direktor des neu eingerichteten Seminars für Sozialpolitik und Wohlfahrtspflege. Schmittmann ist Mitglied der Zentrumspartei und Vertreter einer katholischen Soziallehre. Zunächst wird er in Schutzhaft genommen und mit Lehrverbot belegt. Mit Kriegsbeginn wird Schmittmann ins KZ Sachsenhausen verbracht und dort misshandelt. Er stirbt am 13. September 1939. 

Der Ethnologe und Soziologe Dr. Julius Lips war seit 1928 Leiter des Rautenstrauch-Joest-Museums, zudem außerordentlicher Professor für Völkerkunde an der Universität Köln. Nicht das „Exotische“, sondern das Verbindende zwischen den Kulturen ist Lips wichtig. Und er stellt die Frage, wie europäische Gesellschaften von außen wahrgenommen werden. Diese Frage ist neu in den Völkerkundemuseen jener Zeit. Die Antwort findet Lips in der Kunst der Kolonialisierten, in Bildern und Skulpturen, die Europäer darstellen. Seit den 1920er kauft er Skulpturen von Indigenen an, die Europäer weiße Kolonisatoren darstellen. Schon zu diesem Zeitpunkt arbeitet Julius Lips an seiner Publikation »Der Wilde Schlägt Zurück«, die er erst fünf Jahre später veröffentlichen kann.

Im Frühjahr 1933 kandidiert Lips noch für die SPD, die Folgen müssen ihm klar gewesen sein. Am 4. April wird er beurlaubt, kurz darauf erfolgt die Entlassung aus dem Museum und als Professor an der Universität. Ende des Jahres emigriert Lips und gelangt schließlich in die USA. 1948 kehren Julius und Eva Lips nach Deutschland zurück. Trotz eines Angebots will er seine Lehrtätigkeit in Köln und damit verbunden eine Zusammenarbeit mit den nationalsozialistisch belasteten Kollegen nicht mehr aufnehmen. Er übernimmt stattdessen eine Professur an der Universität Leipzig. Dort wirkt er bis zu seinem Tod im Jahr 1950.

Im Frühjahr 2018 – fast 70 Jahre nach seinem Tod – waren im Rautenstrauch-Joest Museum Bilder und Skulpturen aus der Sammlung von Julius Lips ausgestellt. Titel: »Der Wilde Schlägt Zurück«. Die Exponate kehrten die übliche Blickrichtung um und zeigten entlarvende Darstellungen des europäischen Kolonialpersonals.

Nach der Befreiung Kölns wird die Universität wiedereröffnet. Viel ändert sich nicht. Allgemein  gelte: zwar sei die Hochschule unvermeidlich mit nationalsozialistischen Momenten in Berührung gekommen. Andererseits hätten in Forschung und Lehre streng wissenschaftliche Methoden und fachliche Standards überwogen. Von den 65 ordentlichen Professoren im Winter 1944/45 waren 35 NSDAP-Mitglieder. Rektor Kroll stuft nur 9 von ihnen als „to be rejected“ ein.

Während der Gedenkstunde in der überfüllten Kirche wechselten sich Text und Musik ab. Aikiko Ahrendt (Violine) und Leonhard Huhn (Saxofon) trugen eigene Improvisationen vor. Die Interpretation jiddischer Lieder („Dos Kelbl“ und „Mir lejbn ebig“) fügten sich schön zu Sonaten des Komponisten Erwin Schulhoff. Schulhoff ist in Prag geboren. Er studierte in Köln an der Musikhochschule. Kurz nachdem er Bürger der UdSSR geworden war, wurde er interniert. Er kam am 18. August 1942 im Lager Wülzburg/Weißenburg um.

Im Anschluss an die Gedenkstunde in der Antoniterkirche führte ein Mahngang zum Rautenstrauch-Joest Museum.   

Klaus Stein

Auf der Kundgebung am RJM sprach Prof. Dr. Manfred Zillinger, Lehrstuhlinhaber für allgemeine Ethnologie an der Universität Köln. Er hob in seiner Rede hervor, dass er seine Arbeit durchaus in die Tradition eines Julius Lips stellen könne, der für beständigen Perpektivenwechsel eingetreten sei und den Mut gehabt habe, in seiner Arbeit Denk- und Sehgewohnheiten zu durchbrechen.

Er hob hervor, dass es nach der Regierungsübernahme der Nazis nur 3 Monate gedauert hat bis zu Lips Entlassung, Verfolgung und Flucht. Kunst- und Wissenschaftsfreiheit sei heute im Grundgesetz verankert – gerade aufgrund der Erfahrungen in der NS-Zeit. Wissenschaftsfreiheit sei ein Abwehrrecht – gegenüber politischer Einflussnahme, gegenüber dem Staat. Und seitdem eine extrem rechte Partei an Einfluss gewinne, evtl. demnächst eine Landesregierung übernehmen könnte, sei die Gefahr gewachsen, dass demokratische Institutionen unter Druck geraten.

Nicht nur in den USA, auch bei uns gäbe es einen Diskurs, über den vermittelt werden soll: Universitäten, die Künste und die Museen wären in linker Hand. Behauptungen wie die, die wissenschaftliche Objektivität müsse wieder hergestellt werden, zeigten bereits jetzt parteiübergreifend Wirkung. Versuche, die Museen demokratischer werden zu lassen, indem neue Bevölkerungsgruppen zur Mitwirkung eingeladen werden, würden als  „unwissenschaftlich“ diskreditiert. Auch in Köln.

Er schloss mit den Worten, dass wir von Eva und Julius Lips lernen könnten, dass wir unsere demokratischen Institutionen verteidigen müssen und „es Not tut, sich gegen den Strom zu stellen.“ Ihre Arbeit sei eine Mahnung, immer wieder neu „für Demokratie, Menschenrechte und unsere postmigrantische Gesellschaft einzutreten.“