Gedenkstunde anlässlich des 71. Jahrestags der Befreiung von Auschwitz

24. Februar 2016

27. Januar 2016. In der Kölner Antoniterkirche ist kein Platz mehr frei. Musiker und Schauspieler bieten eine packende szenische Darstellung zum Thema „Kölner Schulen in der NS-Zeit“.

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Von Anfang an geht es um die Abwehr der Ideen von Demokratie, Pazifismus, Emanzipation und Liberalismus. Gleich 1933 werden alle „Freien Schulen“ geschlossen, Lehrer diszipliniert und durch den NS-Lehrerbund gleichgeschaltet. Das „Gesetz für die Wiederherstellung des Berufsbeamtentums“ vom 7. April 1933 bietet die Handhabe: „§ 3 Beamte, die nichtarischer Abstammung sind, sind in den Ruhestand zu versetzen. § 4 Beamte, die nach ihrer bisherigen politischen Betätigung nicht die Gewähr dafür bieten, daß sie jederzeit rückhaltlos für den nationalen Staat eintreten, können aus dem Dienst entlassen werden.“
Jeden Montag kommen die Lehrer und Lehrerinnen in der Messehalle zusammen, um ihre Einführung in die Grundlagen der Ideologie des NS-Staates zu erhalten. Geländesport, Rassenkunde, Vererbungslehre und Heimatkunde sind die Inhalte mehrtägiger Zwangsveranstaltungen, sogenannter nationalpolitischer Lager. Wer nicht teilnimmt, wird gemeldet.
„Der völkische Staat hat seine gesamte Erziehungsarbeit in erster Linie nicht auf das Einpumpen bloßen Wissens einzustellen, sondern auf das Heranzüchten kerngesunder Körper. Erst in zweiter Linie kommt dann die Ausbildung der geistigen Fähigkeiten. Die gesamte Bildungs- und Erziehungsarbeit des völkischen Staates muss ihre Krönung darin finden, dass sie den Rassesinn und das Rassegefühl instinkt- und verstandesmäßig in Herz und Gehirn der ihr anvertrauten Jugend hinein brennt.“ „Eine gewalttätige, herrische unerschrockene, grausame Jugend will ich.“ (aus: Hitler, Mein Kampf)

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- Oberstudiendirektor Dr. Albert Maier vom Schiller-Gymnasium war Mitglied der Zentrumspartei gewesen. Seine Frau ist jüdischer Abstammung. Er wird seines Amtes enthoben.
- Die junge Religionslehrerin Ina Gschlössl wird entlassen. Das SPD-Mitglied hatte Texte für die Gleichberechtigung von Theologinnen verfasst und bereits 1932 in einem Aufsatz auf die von einer NS-Regierung drohenden Gefahren der Judenverfolgung aufmerksam gemacht.
- Dr. August Altmeyer, seit 1929 Oberstudiendirektor des Apostelgymnasiums, zeigte Mangel an „gleichgeschalteten Gefühlen“, wie es in einem Bericht heißt. Der Geist Hitlers verlange gebieterisch die Entfernung des Leiters des Apostelgymnasiums aus jeder führenden Stellung. Dr. Altmeyer beteuert vergeblich seine Loyalität, er wird degradiert und schließlich zwangspensioniert.

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Dr. Heinrich Deckelmann, zuvor Leiter des Friedrich-Wilhelm-Gymnasiums, wird neuer Direktor der Schule. Er hatte sich als Werber für die Hitlerjugend ausgezeichnet.
Im Jahr 1985, zur Vorbereitung des 125. Schuljubiläums erhielten drei Lehrer Otto Geudtner, Hans Hengsbach und Sybille Westerkamp, den Auftrag, sich mit der NS-Geschichte des Apostelgymnasiums zu beschäftigen. Es genoss den Ruf, als katholische Hochburg in der Nazizeit dem Humanismus verpflichtet geblieben zu sein und der braunen Gesinnung getrotzt zu haben. Die Recherche ergab indes: Von Widerstand keine Spur, dagegen früheste Anpassung an den Trend der Zeit. Die Festschrift zum 75. Jubiläum 1935 atmete den Nazi-Geist und verkündete vorauseilend: „Das APG ist judenfrei.“ Die Ergebnisse ihrer Forschungsarbeit mussten die drei Kollegen privat publizieren. Ihr Buch „Ich bin katholisch getauft und Arier“ von 1985, konnte zwar pünktlich zum Jubiläum erscheinen.
Aber das offizielle Gremium des Festausschusses untersagte dem Buchhändler, das Buch in der Schule zu präsentieren und zu verkaufen. Die Schulbehörde wirft den Dreien „Störung des Schulfriedens“ vor. Sie müssen diesem beamtenrechlich relevanten Vorwurf juristisch entgegentreten. Mobbing veranlasst sie schließlich, sich an andere Schulen versetzen zu lassen. Erst 2010 zieht eine Festschrift der Schule kleinlaut das neue Fazit: „..lassen die spärlichen Quellen doch den Schluss zu, dass diese Schule kein Ort des kollektiven oder gar organisierten Widerstands war.“

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Die neuen Lehrpläne in den Schulen ordnen vor allem die Fächer Deutsch, Geschichte, Biologie sowie Sport der nationalsozialistischen Ideologie unter. Geschichte gilt an allen Schulformen als Gesinnungsfach. Deutschund Geschichtslehrer müssen ein über das Übliche hinausgehendes Treuebekenntnis zum Staat ablegen. Geschichtsunterricht vermittelt fortan die Geschichte als Rassenkampf. Der Kampf um das Dasein, also die Durchsetzung vermeintlich hochwertiger und die Knechtung oder gar Ausrottung vermeintlich minderwertiger „Rassen“ bilden den neuen Fokus. Eine besondere Aufwertung erfährt auch das Fach Leibeserziehung, indem die Wochenstundenzahl von zwei auf fünf erhöht wird. Fremdsprachen, Mathematik, Physik, und Chemie verlieren an Gewicht.
Neu eingeführt wird das Fach Rassenkunde. Es wird fächerübergreifend unterrichtet. Höhere Schulen für Jungen streichen ausdrücklich die 12. und 13. Klassen, damit 1939, zu Kriegsbeginn, zwei Offiziersjahrgänge zur Verfügung stehen. Nach dem Dienst in der HJ folgen in der Regel für Jungen Arbeitsdienst und Wehrmacht. Mädchen und Frauen werden massiv aus dem akademischen Leben verdrängt. Nur noch 10 Prozent von ihnen können die Hochschulreife erlangen. Denn junge Frauen sollen auf ihre Aufgaben als Mütter vorbereitet werden. „Damit“, so der Westdeutsche Beobachter, soll „das unberechtigte Eindringen der Mädchen in alle Berufe unterbunden werden.“

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Zuletzt geht es um das Schicksal des Reformrealgymnasiums Jawne, die erste und einzige jüdische höhere Schule im Rheinland. Sie bestand seit 1919. Ende der 1920er Jahre besuchen über 400 Jungen und Mädchen die private Einrichtung. Durch die Verdrängung und den Ausschluss aus den öffentlichen Schulen kommen ab 1933 immer mehr Schüler und Schülerinnen hinzu, auch aus Orten außerhalb Kölns.
So wechselt auch Karla Bernhard-Rath, Jahrgang 1925, an die Jawne. Nach der Reichspogromnacht sinkt die Schülerzahl infolge der zunehmenden verzweifelten Flucht- und Auswanderungsbemühungen stetig. Der Schuldirektor Erich Klibansky hat lange vor den Pogromen die Übersiedlung der Schule nach England geplant. Intensiver Fremdsprachenunterricht bereitet auf die Auswanderung vor. In einigen Klassen können Schüler und Schülerinnen das Cambridge School Certificate erlangen, das eine Anerkennung zum Schulbesuch auf weiterführenden britischen Schulen beinhaltet. Hebräisch wird mit dem Ziel unterrichtet, die Einwanderung nach Palästina zu erleichtern, aber anders als an den gleichgeschalteten Nazischulen hat auch Latein ein großes Gewicht im Lehrplan.
Im Januar 1939 gelangen die ersten Schüler nach London. Karla Bernhard-Rath, die heute Karla Yaron heißt, ist bei einem Transport ihrer Mädchenklasse dabei:
„Bis zur Kristallnacht wollten meine Eltern nicht an Auswanderung denken, weil sie immer gedacht haben, dass sie sich im Ausland nicht ernähren könnten, nicht arbeiten könnten. Dann haben sie doch gesehen, dass man so schnell aus Deutschland rausgehen sollte wie möglich. Eines Tages, im Juni 1939, haben wir uns alle am Bahnhof in Köln getroffen. Dort wartete ein Zug. Die Eltern standen am Bahnsteig und ich erinnere mich, dass wir ihnen gewunken haben aus dem Fenster. Für mich war es damals ein Abenteuer. Ein junges Mädchen, das von zu Hause wegging. Wir wussten, dass wir uns bald wiedertreffen. So haben wir gedacht und so haben wir uns verabschiedet.“
Dr. Klibansky gelingt es, 130 Schülerinnen und Schüler der Jawne nach England zu bringen und so vor weiterer Verfolgung, Deportation und Ermordung durch die Nazis zu schützen. Die meisten der geretteten Jugendlichen sehen aber – wie Karla Yaron – ihre Eltern nicht wieder. Auch Erich Klibansky kann sich, seine Ehefrau sowie die drei Söhne nicht retten. Gemeinsam werden sie am 20. Juli 1942 mit Güterzug von Köln-Deutz mit 1160 anderen Männern, Frauen und Kindern nach Weißrussland deportiert und vier Tage später in der Nähe von Minsk auf einem Waldgelände von einem SS-Kommando in eigens dafür vorbereiteten Gruben erschossen. Insgesamt sind es über 1.100 Kölner jüdische Kinder und Jugendliche bis 16 Jahren, die deportiert und ermordet werden.

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Am 27. September 1944 schließen kriegsbedingt alle Schulen in Köln. 14 Monate später, im November 1945, ist offizieller Wiederbeginn des Unterrichts, von den rund 279 Lehrern werden 42 Prozent als politisch unbelastet eingestuft. Im Jahre 1947 beträgt die Anzahl der schulpflichtigen jüdischen Kinder vier.
Den Text dieser szenischen Montage hat eine Redaktionsgruppe erarbeitet. Vorgetragen wurde er von den SchauspielerInnen Maria Ammann, Renate Fuhrmann, Marc-Andree Bartelt und Josef Tratnik, unterbrochen von Markus Reinhardts Violine und von Rap der Microphone Mafia mit Esther Bejarano. Getragen wird diese Gedenkstunde, die seit vielen Jahren stattfindet, von einer großen Anzahl Kölner Initiativen, Parteien und anderen Organisationen.
Anschließend an die Veranstaltung begeisterten die Microphone Mafia mit Kutlu Yurtseven & Esther und Joram Bejarano mit einem Konzert das Publikum. Die gotischen Fundamente der Antoniterkirche hielten es aus.

Klaus Stein